Warum man Elena Ferrante lesen sollte

Von überraschenden Hauptdarstellern und Gewalt auf allen Ebenen: Zehn Gründe, warum man gut daran tut, die Neapolitanische Saga in die Hand zu nehmen. Der vierte Band ist nun auf Deutsch erschienen.

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(c) Suhrkamp

Mit "Die Geschichte des verlorenen Kindes" ist nun der vierte Band des Romanzyklus von Elena Ferrante im Buchhandel; die Neapolitanische Saga wurde in 40 Sprachen übersetzt, weltweite Auflage bisher: zehn Millionen. Von den Kritikern gab es viel Lob - auch die "Presse" findet ohne Mühe zehn Gründe, warum man Elena Ferrante lesen sollte.

1. Weil Freundschaft selten so facettenreich gezeigt wurde.

"Aus meinen chaotischen Gefühlen tauchte der Wunsch wieder auf, Lila möge krank sein und sterben. Nicht aus Hass, ich mochte sie noch immer sehr, ich wäre nie fähig gewesen, sie zu hassen. Aber ich ertrug die Leere nicht, die dadurch entstand, dass sie sich mir entzog." Die Freundschaft zwischen Lila und Elena erstreckt sich auf 2000 Seiten, ohne jemals langweilig zu werden.

2. Bisher fehlte der große europäische Roman

Die Tetralogie ist tatsächlich der große europäische Roman der Nachkriegszeit. Mit allen Brüchen, Gegensätzen, Feindschaften, die vom Krieg und davor nachwirken; jede einzelnen Epoche, jedes Jahrzehnt wird lebendig und eindrücklich geschildert.

3. Neapel als überraschender Hauptdarsteller

Die Stadt wird durch all die Charaktere, die Ferrante einführt, sehr facettenreich geschildert; Arm und Reich leben oft nah beieinander, aber in völlig verschiedene Welten. Mittlerweile gibt es in Neapel auch Stadtführungen auf den Spuren Ferrantes.

4. Nichts ist einfach

Ferrante malt niemals in Schwarz und Weiß: Jeder ist gleichzeitig Opfer und Täter, Unterdrücker und Unterdrückter, mal oben, mal unten. Dieses Prinzip des Lebens erfahren die Freundinnen Lila und Elena schon sehr früh.

5. Die Bücher sind feministisch, aber nicht absichtsvoll

Weder Lila noch Elena können etwas mit den Dogmen anfangen, die die feministische Theorie bilden. Aber sie reflektieren und verändern die Situation, in die sie hineingeboren wurden - und zeigen den Chauvinismus in allen Sphären schonungslos auf.

6. Die Autorin hat etwas zu sagen

Die Romane wirken so, als seien sie tatsächlich aus der Notwendigkeit heraus entstanden, von Lila zu erzählen - damit diese sich nicht auflösen, sich nicht entziehen kann.

6. Buch der großen Gefühle

Es gibt unglaubliche Grausamkeit und Gewalt auf allen Ebenen - und zwischen allen Beteiligten: Kindern und Kindern, Kindern und Eltern, Männern und Frauen, Männern und Männern, Frauen und Frauen, Arbeitgebern und Arbeitern; Professoren und Studenten. Dieses hohe Niveau selbstverständlicher Gewalt erklärt auch, wie leicht die Camorra ihren alles durchdringenden Einfluss erringen konnte. Trotzdem zeigt das Buch auch immer wieder einen unglaublichen Lebenswillen, eine Kraft, die sich schon aus ein paar glücklichen Stunden, ein paar verständnisvollen Worten speisen kann.

7. Wunderbare Charaktere

Lila und Elena lassen den Leser nicht los, ihre parallelen und doch so unterschiedlichen Leben faszinieren.

8. So viele Charaktere

Zu Beginn jedes Buches werden jeweils die handelnden Personen vorgestellt. Und das ist gut so, denn es sind viele. Durch sie erfahren wir von düsteren Geheimnissen, Intrigen und Morden, sie zeigen in höchster Anschaulichkeit auch den politischen und sozialen Wandel der Stadt Neapel und ganz Italiens auf.

9. Eine Autorin, die verborgen bleibt

Wir brauchen kein Gesicht, keinen Star. Nur jemanden, der schreibt. Ob hinter dem Namen auf dem Buchdeckel ein Pseudonym steht, eine Person gleichen Namens oder gar ein Kollektiv - das ist egal. Dass sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante die Übersetzerin Anita Raja verbirgt, wurde übrigens nie bestätigt. Dementiert wurde die Enttarnung allerdings auch nicht. Sie könnte die Bücher zusammen mit ihrem Ehemann Domenico Starnone geschrieben haben - aber auch das ist eine unbestätigte Vermutung.

10. Keine Pizza, kaum Spaghetti

Und schließlich: Endlich einmal ein italienischer Roman, in dem es kaum ums Essen geht.

 

Die Titel der vier Bände: "Meine geniale Freundin", "Die Geschichte eines neuen Namens", "Die Geschichte der getrennten Wege" und jetzt "Die Geschichte des verlorenen Kindes" sind die Namen der vier Romane, die Ferrante als einen einzigen betrachtet.

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