Das Geflüster des Schnees

Literatur aus der Haft: Der Anwalt des inhaftierten türkischen Journalisten und Autors Ahmet Altan schmuggelte diesen Text voriges Jahr aus dem Gefängnis. Da dachte man noch, Altan käme frei. Jetzt wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt.

Ahmet Altan
Ahmet Altan
Ahmet Altan – (c) Guillem Lopez / Helmut Wimmer

„Ein Objekt in Bewegung ist weder dort, wo es ist, noch dort, wo es nicht ist“ – so die Implikation von Zenons berühmtem Paradox. Schon früh kam ich zu dem Schluss, dass dieses Paradox zur Literatur, und erst recht zum Schriftsteller, viel besser passt als zur Physik.

Ich schreibe diese Worte in einer Gefängniszelle.

Guillem Lopez / Helmut Wimmer

Fügen Sie den Satz „Ich schreibe diese Worte in einer Gefängniszelle“ irgendeiner Erzählung bei, und sie wird dadurch eine vibrierende Innenspannung gewinnen, den Klang einer Stimme, die sich furchteinflößend aus einer dunklen, mysteriösen Welt erhebt; die von der Unbeugsamkeit des Geknechteten spricht und unüberhörbar Mitleid einfordert.

Bevor Sie die Trommeln des Erbarmens zu rühren beginnen, sollten Sie erst einmal hören, was ich Ihnen zu erzählen habe.

Ahmet Altan und sein Textfenster im Wiener KHM

„Ganymed“-Regisseurin Jacqueline Kornmüller hatte Ahmet Altan nach Wien zur Premiere eingeladen. Er wollte kommen. Sie ist fassungslos.

Mitten in die Vorbereitungen zu „Ganymed“, dem jährlichen Stationentheater im Kunsthistorischen Museum, das sich dieses Mal um die Natur dreht, platzte das Weltgeschehen: Regisseurin Jacqueline Kornmüller probt u. a. gerade – Premiere ist am 7. März – mit den Schauspielern Raphael van Bargen und Pauline Knof den Text des türkischen Literaten und Journalisten Ahmet Altan. Sie werden ihn abwechselnd vor dem Gemälde „Alter Mann im Fenster“ des holländischen Malers Samuel van Hoogstraten von 1653 sprechen. Altan schrieb über seine Freiheit im Kopf voriges Jahr in seiner Gefängniszelle in Istanbul, sein Anwalt schmuggelte die Geschichte nach draußen, in welcher Form auch immer. Vielleicht auch als Diktat – Kornmüller merkte nur bei den Proben, dass sie mit den Schauspielern schnell in eine Art der Diktat-Situation kam, erzählt sie.

Verhaftet wurde Altan (67), einst Chefredakteur der inzwischen geschlossenen liberalen, investigativen Zeitung „Taraf“ (Richtung) und laut Schriftsteller Orhan Pamuk einer der „wichtigsten Federn der Türkei“, nach dem gescheiterten Putsch gegen Erdoğan im Sommer 2016. Ihm und u. a. seinem Bruder Mehmet wurde vorgeworfen, über eine TV-Talkshow mit geheimen Botschaften den Putsch unterstützt zu haben. „Der Text jedenfalls ist in der Hoffnung geschrieben“, so Kornmüller, „dass er in den nächsten Monaten freigelassen wird.“ Am Freitag wurde Altan in Istanbul mit seinem Bruder und vier weiteren Journalisten aber zu lebenslanger Haft verurteilt. Damit, so die Regisseurin, habe keiner gerechnet. „Wir hatten ihn zur Premiere eingeladen, er wollte kommen. Wir sind fassungslos.“ Altans Tochter gab inzwischen an, dass man gegen das Urteil berufen werde, „als gäbe es eine unabhängige Justiz“.

Anders als meist üblich bei „Ganymed“, entstand dieser Text nicht direkt zu dem Bild, Kornmüller hat ihn einem passenden Bild zugeteilt. Es zeigt ein recht mysteriöses Motiv, man weiß nicht, wer der dargestellte Mann ist. Es ging dem Maler mit der Szene vor allem um eine Täuschung des Auges (trompe l'oeil). Jedenfalls geht es um einen alten Mann, um ein Gefangensein. Und um Kommunikation mit der Außenwelt. (sp)

Ganymed Nature, ab 7. 3.; 14 Vorstellungen im KHM.

Es ist ein gefährlicher Satz; er kann dazu dienlich sein, die Gefühle anderer Menschen auszunutzen. Und Schriftsteller sind nicht immer gegen die Versuchung gefeit, Sprache und die Emotionen, die sie wachruft, in einer Weise zu verwenden, die ihren eigenen Interessen dient. Sogar wenn die Leser das realisieren, mögen sie immer noch geneigt sein, Erbarmen mit dem Schriftsteller zu haben.

Aber Halt. Bevor Sie die Trommeln des Erbarmens zu rühren beginnen, sollten Sie erst einmal hören, was ich Ihnen zu erzählen habe.

Ja, ich werde in einem Hochsicherheitsgefängnis draußen im Nirgendwo festgehalten.

Ja, ich lebe in einer Zelle, deren Tür sich mit dem schweren Klang von Eisen öffnet und schließt.

Ja, das Essen wird mir durch einen Schlitz in der Türe gereicht.

Ja, auch der kleine, steingeflieste Hof, wo ich auf und ab gehe, ist mit stählernen Gittern gedeckt.

Ja, ich darf niemanden sehen außer meinem Anwalt und meinen Kindern; ich darf nicht einmal zwei Zeilen an meine Lieben schicken.

Ja, wenn ich ins Spital muss, ziehen sie ein Paar Handschellen aus einem ganzen Bündel eiserner Gerätschaften und legen sie mir an.

Ja, wann immer sie mich aus der Zelle holen, schlagen mir Befehle wie „Arme hoch, Schuhe ausziehen“ ins Gesicht.

All das ist wahr, aber es ist nicht die ganze Wahrheit.

Bis heute bin ich nicht ein Mal im Gefängnis erwacht – nie.

An Sommermorgen, wenn die ersten Sonnenstrahlen durchs nackte, vergitterte Fenster dringen und sich wie leuchtende Speere in mein Kissen bohren, lausche ich dem munteren Gesang der Zugvögel, die draußen auf der Traufe genächtigt haben, und dem seltsamen, trockenen Geräusch, das entsteht, wenn die Häftlinge beim Hofgang auf eine Plastikflasche treten.

Dann glaube ich, im Gartenpavillon meines Elternhauses zu sein, oder – ich kann selbst nicht sagen, warum – in einem kleinen Hotel an einer jener belebten Pariser Straßen, die man aus „Irma la Douce“ kennt.

Wenn ich aufwache und wütender Nordwind den Herbstregen gegen mein Fenster peitscht, dann beginne ich meinen Tag in einem Hotel am Ufer der Donau, vor dessen Tor jede Nacht Fackeln entzündet werden. Wenn mich das Geflüster des Schnees weckt, der sich auf dem Sims häuft, dann finde ich mich hinter dem Fenster der Datscha, in der Doktor Schiwago Zuflucht fand.

Bis heute bin ich nicht ein Mal im Gefängnis erwacht – nie.

Und das ist noch nichts im Vergleich zu meinen nächtlichen Abenteuern. Ich streife über thailändische Inseln, durch Londoner Hotels, die Straßen Amsterdams, die geheimen Labyrinthe von Paris, die Istanbuler Restaurants am Bosporusufer, die kleinen Parks, die sich zwischen den Straßen von New York verbergen, durch die schneeverwehten Straßen einer Kleinstadt in Alaska.

Ich habe Freunde auf der ganzen Welt, die mir beim Reisen helfen, auch wenn ich die meisten von ihnen nie gesehen habe.

Sie können mir am Ufer des Amazonas begegnen, an einem mexikanischen Strand, in den Savannen Afrikas. Tagein, tagaus rede ich mit Menschen, die keiner sieht oder hört, Menschen, die nicht existieren, deren Existenz erst an dem Tag beginnen wird, da ich über sie schreibe. Ich lausche, während sie sich miteinander unterhalten. Ich lebe ihre Liebe, ihre Abenteuer, ihre Hoffnungen, Kümmernisse und Freuden. Manchmal lache ich leise während des Hofgangs, weil ihre Gespräche ziemlich unterhaltsam sein können. Und weil ich sie hier im Gefängnis nicht auf Papier bannen will, schreibe ich mir all das mit der dunklen Tinte des Gedächtnisses direkt ins Hirn.

Ich weiß, dass ich ein Schizophrener bin, solange alle diese Leute in meinem Kopf wohnen bleiben. Ich weiß aber auch, dass ich ein Schriftsteller bin und dass diese Leute sich eines Tages in den Sätzen auf den Seiten eines Buches wiederfinden werden. Ich vergnüge mich damit, wie auf einer Schaukel zwischen Schizophrenie und Autorschaft hin und her zu schwingen. Ich erhebe mich in die Luft wie Rauch und verlasse das Gefängnis an der Seite der Menschen, die in meinen Gedanken leben. Sie – die anderen – mögen die Macht haben, mich ins Gefängnis zu sperren; im Gefängnis halten können sie mich nicht.

Hinter der stählernen Wehr meiner Bücher bin ich unverletzlich.
Ich bin Schriftsteller.
Ich bin weder dort, wo ich bin, noch dort, wo ich nicht bin.

Wo auch immer ihr mich einsperrt, werde ich die Welt auf den Flügeln meiner Gedanken bereisen.

Und obendrein habe ich Freunde auf der ganzen Welt, die mir beim Reisen helfen, auch wenn ich die meisten von ihnen nie gesehen habe.

Jedes Auge, das liest, was ich schreibe, jede Stimme, die meinen Namen nennt, nimmt mich bei der Hand wie eine kleine Wolke und lässt mich über die Ebenen fliegen, die Quellen, die Wälder, die Meere, die Städte und Straßen. Ohne große Worte gewähren sie mir Gastrecht in ihren Häusern, ihren Hallen, ihren Zimmern.

In einer Gefängniszelle bereise ich die ganze Welt.

Sie haben es wohl erraten: Ich besitze eine göttliche Arroganz – eine, die selten eingestanden wird, die aber den Schriftstellern ureigen ist und von einer Generation zur nächsten weitergereicht wird. Ich besitze ein Selbstvertrauen, das wie eine Perle in der harten Schale der Literatur wächst. Hinter der stählernen Wehr meiner Bücher bin ich unverletzlich.

Ich schreibe dies in einer Gefängniszelle.
Aber ich bin nicht im Gefängnis.
Ich bin Schriftsteller.
Ich bin weder dort, wo ich bin, noch dort, wo ich nicht bin.
Ihr könnt mich gefangen setzen, aber ihr könnt mich nicht gefangen halten.
Weil ich die Zaubermacht habe, die allen Schriftstellern eigen ist. Ich kann mühelos durch Wände gehen.

 

Zur Person

Ahmet Altan ist einer der renommiertesten türkischen Journalisten und Schriftsteller. 1950 in Ankara geboren, gründete er 2007 die Zeitung „Taraf“, in der u. a. über in der Türkei tabuisierte Themen (Armenier, Kurden) berichtet wurde. Nach dem Putschversuch 2016 wurde „Taraf“ verboten. Altan und sein Bruder Mehmet wurden als angebliche Putsch-Unterstützer festgenommen. Am Freitag wurden sie, gemeinsam mit vier weiteren Journalisten, zu lebenslanger Haft verurteilt.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2018)

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