Affäre Tellkamp: „Tiefe Spaltung“ in Deutschland

Autor Durs Grünbein kritisiert die Distanzierung des Suhrkamp Verlags als „absolut falsches Signal“.

Durs Grünbein.
Durs Grünbein.
Durs Grünbein. – (c) imago/IPON (Stefan Boness/Ipon)

Als der deutsche Schriftsteller Uwe Tellkamp vergangenen Donnerstag in einem Streitgespräch mit seinem Kollegen Durs Grünbein behauptete, „über 95 Prozent“ der Flüchtlinge kämen nicht wegen Krieg und Verfolgung, distanzierte sich Tellkamps Verlag Suhrkamp per Twitter öffentlich: Meinungen seiner Autoren seien nicht mit jenen des Verlag zu verwechseln. Eine Reaktion, die ihrerseits zu heftigen Diskussionen geführt hat. Der wie Tellkamp in der DDR aufgewachsene, in Dresden lebende, politisch aber völlig anders denkende Grünbein hat Suhrkamp in der „Zeit“ ebenfalls kritisiert. Das sei das „absolut falsche Signal“, so Grünbein. Der Verlag habe damit „das Vorurteil von der Gesinnungsdiktatur“ bestätigt.

Uwe Tellkamp erhielt 2004 den Ingeborg-Bachmann-Preis, 2008 unter anderem den Deutschen Buchpreis für seinen viel bejubelten Roman „Der Turm“, ein Epos über das Dresdner Bürgertum in DDR-Zeiten. Eine Fortsetzung des bei Suhrkamp erschienenen Buches ist für Herbst 2019 angekündigt. Dass es in der deutschen Gesellschaft einen allzu engen „Gesinnungskorridor“ gebe, hatte der 49-Jährige nicht erst in besagter Diskussion beklagt. Schon im vergangenen Herbst hatte er die von einer Dresdner Buchhändlerin initiierte „Charta 2017“ mitunterschrieben, einen Protest gegen den Umgang mit rechten Verlagen auf der Frankfurter Buchmesse. Darin war auch zu lesen, Deutschland befinde sich auf dem Weg zu einer „Gesinnungsdiktatur“. Die Anwesenheit von Verlagen aus dem äußersten rechten Spektrum und Protestaktionen dagegen hatten davor zu heftigen Tumulten auf der Buchmesse geführt.

 

Offener Streit: schädlich oder gut?

Bei seinem Streitgespräch mit Uwe Tellkamp sei ihm Deutschlands „tiefe Spaltung“ bewusst geworden, äußerte sich Durs Grünbein nun in der „Süddeutschen Zeitung“. „Die einen bedauern dies und sind der täglich sich ausweitenden Spannungen müde“, andere „begrüßen die Spaltung und versprechen sich vom offenen Streit eine reinigende Wirkung“. Wie wird die heute, Donnerstag, beginnende Leipziger Buchmesse damit umgehen? Deren Direktor Oliver Zille hat in einem Interview betont, dass die Messe die Meinungsfreiheit erhalten müsse. Deren Sicherung sei „eine sehr anstrengende, aber für den Bestand der Demokratie sehr wichtige Angelegenheit.“ Zuspitzungen im politischen Spektrum werde man aushalten müssen. „Wir sind diesen Umgang nicht mehr gewöhnt, weil es in den vergangenen Jahren diesbezüglich eher ruhig in der Republik war.“ (sim)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2018)

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