Bachmann-Preis: Sex am Behandlungsstuhl und Frösche im Meer

Der zweite Tag des Wettlesens: Die Zahnärztin Corinna T. Sievers schrieb über Sex am Behandlungsstuhl. Für die Autoren Tanja Maljartschuk, Ally Klein und Bov Bjerg fand die Jury viel Lob.

Ally Klein las aus ihrem Roman "Carter" und bekam viel Lob.
Ally Klein las aus ihrem Roman "Carter" und bekam viel Lob.
Ally Klein las aus ihrem Roman "Carter" und bekam viel Lob. – APA/GERT EGGENBERGER

Am Freitag startete der zweite Tag des Wettlesens in Klagenfurt. Die Kieferorthopädin Corinna T. Sievers eröffnete nach dem Auftakt am Donnerstag den Lesereigen mit ihrem Text „Der Nächste, bitte!“. Jurorin Nora Gomringer, die selbst 2015 den Bachmann-Preis gewann, lud die Autorin zum Vorlesen. Eine erotomane Zahnärztin drückt darin ihr Begehren gegenüber einem jungen Patienten deutlich aus, während sie dem Patienten K. nach einer kurzen Erstuntersuchung seines Kiefers zielstrebig an die Hose geht.

Hubert Winkels begann seine Kritik zum Text leicht verlegen: "Das war sicher ein ungewöhnlicher Text in Klagenfurt, vor allem um 10 Uhr morgens." Sehr explizit beschreibe Sievers das Begehren der Frau, das man sonst zumeist nur so direkt ausgedrückt von Männern kenne. Hildegard E. Keller findet den Text jedoch nicht radikal genug, er bleibe lediglich in der "Pose der Radikalität" stecken. Und Juror Klaus Kastberger gibt sich pragmatisch: "Ich habe mich gefragt, was am Montag in Ihrer Praxis los sein wird."

Insa Wilke brachte, wie weitere Juroren, noch einen zweiten wesentlichen Einwand vor: "Hier soll provoziert werden, eine Antwort gegeben werden auf den männlichen Sexismus", sagte sie. "Ich habe den Verdacht, dass Sie genau das nicht tun, sondern im Prinzip eine Männerfantasie nachschreiben: Eine Frau, die es unbedingt will." Einzig Nora Gomringer verteidigte die von ihr Eingeladene: Es sei eigentlich eine Liebesgeschichte, die zudem auch große Komik besitze.

"Endlich Literatur"

Als zweite Autorin las Ally Klein den Romanauszug "Carter" -eine unheimliche und beklemmende Geschichte, die Annäherung einer Figur an eine Hütte, die mit einer Begegnung mit einer geheimnisvollen Frauenfigur schließt, die offenbar im Zentrum des Romans steht. Damit überzeugte sie Juror Stefan Gmünder: "Ein toller Text mit einem unheimlichen Sog - Ich bin sehr begeistert." Und Michael Wiederstein weiß, warum er die Berlinerin zum Bewerb einlud: "Dieser Text lebt! Er funktioniert organisch." Dagegen fand Hubert Winkels den Text "in der Durchführung ein bisschen öde".

Dann las Tanja Maljartschuk, bisher als einzige Bewerberin im Stehen. Zum Wettlesen brachte sie den Text "Frösche im Meer" mit. Darin geht es um den Migranten und Hilfsarbeiter Petro, der sich mit einer dementen alten Frau anfreundet, die er im "Froschpark" kennenlernte und eines Tages vermisst. Viel Applaus bekam Maljartschuk nach ihrer Lesung, Nora Gomringer eröffnete die Jury-Diskussion: "Gut gemacht. Wir sind erleichtert. Endlich Literatur." Jurorin Insa Wilke sieht eine ganz einfache Geschichte, die aber gleichzeitig sehr kompliziert ist: "Es geht um zwei Arten von Einsamkeit. Es ist ein abgründiger Text." Kleine Einwände gab es gegen das Ende, das zum Teil als aufgesetzt empfunden wurde.

Spektakulär unspektakulär

Der deutsche Autor Bov Bjerg eröffnete mit seinem Text "Serpentinen" den Nachmittag in Klagenfurt. "Um was geht es?", lautet der leitmotivische Stehsatz von Bjergs Vater-Sohn-Geschichte, die gleichzeitig eine Road-Story, aber auch in die von Selbstmorden geprägte Familiengeschichte und in den Untergrund führt.

"Ein spektakulär unspektakulärer Text", fand Insa Wilke. Und auch Hildegard E. Keller lobte Bjerg: "Das ist für mich ein radikal erzählter Text". "Die Wurzeln gehen tief, sie gehen in die Erdgeschichte, aber auch in die deutsche Nachkriegszeit", fand Klaus Kastberger. Stefan Gmünder bekannte, der Text sei ihm "sehr nahe gegangen". Hubert Winkels gab zu: "Die ganze Geschichte ist gut und schnell erzählt. Das alles ist gut gemacht, aber mir ist es motivlich zu dicht."

"Ist das jetzt ein Schizophrener?"

"Mach's wie Miltos!" riet der letzte Autor des heutigen Tages, der Deutsche Anselm Neft, in seinem Text. Erzähler ist ein stark dem Alkohol zusprechender Obdachloser, der mit seinem Hund Lucy umherstreift und mit seiner Familie gebrochen hat.

Hubert Winkels sah ein Stationendrama mit imaginären Schauplätzen und zeigte sich "verstimmt über die Massivität der Mittel, mit der mir das Mitleid abgepresst werden soll". Auch Insa Wilke kritisierte den Text als "sehr überfrachtet", während Klaus Kastberger fand, dass der Text ein lockereres Ambiente gut vertragen hätte: "Auf einer anderen Bühne würde der Text besser wirken." Heftig und durchaus divers wurde die Frage diskutiert, ob der titelgebende Miltos eine eingebildete oder eine reale Figur sei. Nora Gomringer, die Neft eingeladen hatte, fand gleich "zwei Hinweise darauf, dass Miltos kein Hirngespinst ist". Und Hildegard F. Keller hatte mindestens zwei Fragen an Text und Autor: "Ist das jetzt ein Schizophrener? Hat er seine Familie umgebracht?"

Das war's für heute. Am Samstag komplettieren schließlich der Deutsche Jakob Nolte (10 Uhr), sein Landsmann Stephan Groetzner (11 Uhr) und die in Solingen geborene und von den Veranstaltern als Türkin geführte Autorin Özlem Özgül Dündar (12.30 Uhr) das Feld der 14 Lesenden, das vom Deutschen Lennardt Loß um 13.30 Uhr abgeschlossen wird.

(Red./APA)

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