Bachmann-Wettlesen: Wie uriniert man im Flugzeug auf eine Socke?

Özlem Özgül Dündar begeisterte die Bachmann-Jury, Jakob Nolte einen Teil davon: Ein starker letzter Lesetag beim Bachmann-Wettlesen.

Die Autoren bei der Eröffnung des Literatur-Wettbewerbs.
Die Autoren bei der Eröffnung des Literatur-Wettbewerbs.
Die Autoren bei der Eröffnung des Literatur-Wettbewerbs. – APA/GERT EGGENBERGER

Besonders intelligente Autoren können Literatur-Juroren überfordern – Jakob Nolte ist so ein Fall. Der 30-jährige deutsche Autor, dessen zweiter Roman „Schreckliche Gewalten“ auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis kam, las mit „Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war“ einen der zweifellos stärkten Texte des diesjährigen Bewerbs. Es ist weder Tagebuch noch gibt es einen Fall: Eine junge Frau erzählt hier von einem Camp-Urlaub in einer Lagune in Mexiko, keine Metapher „sitzt“, alles irritiert brennend wie die 1081 Mückenstiche des erzählenden Ichs („aber diese Summe ist irrelevant, denn von Sekunde zu Sekunde werden es mehr“); starke, sich aneinander reibende Sätze, die überlegen in die Irre führen. Vielleicht war es diese demonstrative Souveränität, die Neo-Jurorin Nora Gomringer als „eitel“ empfand, sie gab eine persönliche Meinung ab - ihr fehle die Geduld für den Text.

Noltes Text "ist ein Piranha"

Nachdem die Schweizer Jurorin Hildegard Keller den Text als „nicht konstruiert“ bezeichnet und mit dem Postulat, ein sich „Tagebuch“ nennender Text müsse auch dieser Textsorte entsprechen, die Diskussion auf das Niveau einer Maturaaufsatz-Beurteilung gedrückt hatte, vermutete die besonnene Deutsche Insa Wilke, dass der Autor nun wohl zufrieden sei. Sein Text sei „ein Piranha, der mit aufgeklapptem Maul darauf wartet, dass man in die Falle tappt“. Hubert Winkels und Stefan Gmündner fanden den Text ausgezeichnet und waren sich einig, dass das „Kaputte" daran mit all den Stilbrüchen gewollt sei. Das sei eine Wohltat nach all den „well made“-Texten der letzten Tage, meinte Winkels. Gute Texte, erinnerte Gmündner noch, „sind schlechten oft näher als sehr guten." Winkels sah in dem Beitrag auch „ein rührendes romantisches Großereignis“ und erklärte die „hoi polloigen Wege“(„Viele heirateten, bekamen Kinder und zweite Kinder oder klimbimten sonstwie ihrer hoi polloigen Wege“) zu seiner Lieblingswendung.

"und ich brenne": Mit vier Müttern mitten ins Feuer

Geeint in Begeisterung, Faszination und Spannung, „was aus diesem Text einmal werden wird“, war die Jury nach dem Beitrag „und ich brenne“ der Deutschen Özlem Özgül Dündar. Über einen Brand wird abwechselnd von vier Müttern (Mutter 1,2,3,4) erzählt. Insa Wilke, die die Autorin eingeladen hatte, war ganz erstaunt über die allgemeine Begeisterung, sie „hätte mit Widerständen gerechnet“ – denn die Autorin sei „ein ganz großes Risiko“ eingegangen. Schwierig ist es, die Mütter zu entknäueln, die Handlung zu interpretieren (war es ein Anschlag?) „Ich kann nur dankbar stottern im Moment“, gestand Gomringer nach der Lesung. Die übrigen Juroren stürzten sich in feurige Analysen, diskutierten über den rechtsradikalen Brandanschlag von Solingen vor 25 Jahren als Vorlage, über Mütter und die Pietà und Vergebung. Gomringer irritierte nur ein wenig der Mutterbegriff – „durch Mutter definiert sich alles und ruft in uns auch eine Pietà-Vorstellung hervor. Dieses Mitleid ist auch sehr belastend für den Text.“ Michael Wiederstein fand den Text an manchen Stellen doch "zu explizit".

Deutsche Österreich-Satire: "arschig" oder platt?

„Destination: Austria“ hieß die Provinzpatriotismus-(Österreich)-Satire des Deutschen Stephan Groetzner, die im moldawischen Gagausien und Transnistrien spielt, nebenbei auch eine Parodie auf den Bachmannbewerb ist. Klaus Kastberger, darin offenbar als „Dr. Kasperl“ präsent („Ach, das war ich?!“) fand den Text voller uralter Österreich-Klischees, was ihm sehr missfiel – aber er freue sich, wenn „die fremden Gäste, die uns Devisen ins Land bringen, an diesem Text Gefallen finden“. Winkels fand den Beitrag „nicht schlecht, aber ein wenig diffus und wenig“, der Rest der Jury war zufrieden: Keller lobte die „arschige k. und k.-Collage mit Knalleffekten“, die „Groteske, in der Bernhard ein wenig irrlichtert“, Michael Wiederstein den „Steinbruch voller Verweise und Ideen“, Nora Gomringer die „Präzisierungsmaschinerie“, die an den Film „Dr. Seltsam“ erinnere.

Wie ein Gyros, "aber am Ende schmeckts trotzdem"

Viel Verrücktes über einen Flug des Zahntechnikers Hannes Sohr und seine Lebensgeschichte tischt der Deutsche Lennardt Loß in „Der Himmel über A9“ auf: 9A ist der Sitz, an den sich die Hauptfigur nach dem Absturz eines Lufthansa-Jets über dem Pazifik klammert. Ist das die leicht ironische Geschichte eines 68er-Mitläufers (Wiederstein)? Oder eine „paranoide Flugangstfantasie“, wie Hubert Winkels vermutete? Eine passable „burleske Räuberpistole“ fand er diesen Text, der mit Sohrs Geschichte gleich die Geschichte der Bundesrepublik abhandle, SS, RAF undsoweiter inklusive - Wiederstein sogar "eine hoch interessante Geschichte"; sie erinnere ihn an ein Gyros - "aber am Ende schmeckt's trotzdem.

Schrecklich dagegen fand Kastberger den Beitrag, ja, "dahingerammelt". Ihm fehle da die Luft zum Atmen vor lauter außergewöhlichen Ereignissen, stöhnte er: "Wenn die alle zusammenkommen, glaub' ich dem Text nicht mehr.“ Dem stimmte in milderer Form auch Gmündner zu, Keller fand den Text nicht schlecht, aber ebenfalls "unheimlich zusammengezwungen".

Das sehr unterschiedliche Humorverständnis der Juroren zeigte sich an den Wertungen zu diesem Text besonders: von "gänzlich unwitzig" über "ironisch" bis hin zu "sehr witzig" und "nicht witzig, aber aberwitzig". Die Schlussfrage an dieser Diskussion lieferte übrigens Hildegard Keller - wie es wohl gehen könne, auf einem Flugzeugsessel auf eine trocken gewordene Socke zu urinieren ...
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