Ein ganzes Leben auf Schwedisch

„Der Sprengmeister“ aus dem Jahr 1972 ist Henning Mankells erster Roman – und gleichzeitig so etwas wie der definitive Abschied von dem 2015 verstorbenen Schriftsteller.

Porträt des Schriftstellers als junger Mann: Henning Mankell im Jahr 1972, kurz vor der Publikation seines ersten Romans, „Der Sprengmeister“, in Schweden.
Porträt des Schriftstellers als junger Mann: Henning Mankell im Jahr 1972, kurz vor der Publikation seines ersten Romans, „Der Sprengmeister“, in Schweden.
Porträt des Schriftstellers als junger Mann: Henning Mankell im Jahr 1972, kurz vor der Publikation seines ersten Romans, „Der Sprengmeister“, in Schweden. – Privat/Aus der Biografie „Mankell über Mankell“ von Kirsten Jacobsen, Zsolnay, 2013

Es gibt ein Bild von Henning Mankell aus dem Jahr 1972, kurz bevor sein Roman „Der Sprengmeister“ erschienen ist. Da steht er, ein fescher junger Mann, vor einer brüchigen Mauer, mit ernstem Blick, den Hauch eines Lächelns auf den Lippen, und einem wilden dunklen Haarschopf. Ganz anders als auf den PR-Bildern, mit denen er seiner großen Lesergemeinde in Erinnerung geblieben ist, sieht der spätere schwedische Erfolgsautor darauf aus.

Doch viel von dem Schriftsteller, der mit der Figur des Kommissars Kurt Wallander die Welt erobern sollte, steckte auch schon damals in ihm. Das lässt sich jetzt nachlesen, in dem Buch, das gleichzeitig Mankells erster Roman und der letzte ist, der von dem 2015 verstorbenen Autor auf Deutsch erscheinen wird. Es ist, in gewisser Weise, der definitive Abschied von Henning Mankell.

Wer dabei auf ein erstes Treffen mit Mankells schwermütigem Polizisten hofft, wird allerdings enttäuscht werden. Vielmehr ist „Der Sprengmeister“ eine Begegnung mit den einsamen Männern, die auf Inseln im schwedischen Schärengarten leben, zu denen Mankell gegen Ende seiner schriftstellerischen Laufbahn zurückgekehrt ist („Die italienischen Schuhe“, „Die schwedischen Gummistiefel“). Die Geschichte von Oskar Johansson ist aber auch ein Streifzug durch das 20. Jahrhundert, eine Art „Ein ganzes Leben“ (Robert Seethaler) auf Schwedisch, nur mit mehr Ecken und Kanten.


Eher anwesend als teilhabend. Wie Seethalers Andreas Egger ist auch Oskar Johansson (1888–1969) einer, der sich selbst für nichts Besonderes hält, für einen, der sein Leben lang eher anwesend als teilhabend war. Der Erzähler, dem Oskar sich in den Sommern auf der Schäreninsel anvertraut, bezweifelt das. Denn einerseits wird Oskar gerade durch sein Allerweltsschicksal zum Sprachrohr eines ganzen Jahrhunderts: als Arbeiter, der seine Familie durchbringen will, der sich in seinem Leben nur einen einzigen Urlaub (in Österreich) leisten kann und der durch Parteizugehörigkeit auf die Verbesserung der Welt hofft, erst bei den Sozialdemokraten, später bei den Kommunisten, dann wieder bei den Sozialdemokraten. Durch Oskars gesellschaftliche Position bekommt der Roman naturgemäß eine starke sozialkritische Note. Und hin und wieder bringt auch der angeblich passive Protagonist nicht mehr die Geduld auf, die Welt so zu nehmen, wie sie ist. Dann wird Oskar zornig.

Und für Zorn hätte Oskar Johansson mehr Grund als andere, überlebt er doch als junger Mann aus nächster Nähe eine durch eine Fehlzündung ausgelöste Explosion, was ihn aus Sicht der Ärzte zu einem „im Grunde unmöglichen Fall“ macht. Dabei wird er schwer verletzt, verliert ein Auge und die rechte Hand. Erträglich wird seine Entstellung nur durch seine Frau, die durch und durch unaufgeregte Elvira, die Oskars Aussehen nie zu stören scheint. Dass sie zufällig die jüngere Schwester seiner ersten Freundin, Elly, ist, die ihn nach dem Unfall verlassen hat, ist eine Kapriole des Schicksals. Aber dass Oskar nach diesem traumatischen Vorfall weiter als Sprengmeister gearbeitet hat, ist ausschließlich der Einzigartigkeit dieses besonderen Menschen geschuldet.


Manuskripte im Müll. Als Henning Mankell das Buch 1972 schrieb, war er kein Unbekannter mehr. Er hatte Theaterstücke und Zeitungsartikel verfasst und Regie geführt. Für seinen ersten Roman wollte er sich keine Absage einhandeln, weshalb mehrere Manuskripte in den Müll wanderten.

Als er „Der Sprengmeister“ 1997 nochmals überarbeitete, zog Mankell sozialkritisch Bilanz: „Einige Mauern wurden eingerissen, andere errichtet. [. . .] Aber die Armen und Ausgebeuteten sind in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren nur noch ärmer geworden. [. . .] Während ich das Buch nach all diesen Jahren nun aufs Neue lese, stelle ich fest, dass das Vierteljahrhundert eigentlich gar nicht so lang war. Was in diesem Buch steht, gilt auch weiterhin unverändert.“ Ein treffenderes Schlusswort gibt es wohl kaum – für Mankells Werk und für sein Leben.

Neu Erschienen

Henning Mankell
„Der Sprengmeister“


Übersetzt von
Verena Reichel und Annika Ernst
Paul Zsolnay Verlag 192 Seiten
21,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2018)

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