Nachruf auf Naipaul: Der große Skeptiker der postkolonialen Welt

Der Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul hatte indische Wurzeln, wuchs in Trinidad auf, zog nach Oxford und weiter um den Globus – und wo immer er war, schaute er hin. Genau. Zuweilen erbarmungslos. Manchen zu erbarmungslos.

V. S. Naipaul (1932–2018).
V. S. Naipaul (1932–2018).
V. S. Naipaul (1932–2018). – (c) imago/Leemage

Da saß er also im Flugzeug, 18 Jahre alt, auf dem Weg von Trinidad nach London, ein Stipendium für Oxford in der Tasche, einen Bleistift und einen Block. Noch im Flugzeug begann V. S. Naipaul, sich Notizen zu machen, schließlich war er aufgebrochen, um Schriftsteller zu werden, und er wollte damit beginnen. Jetzt.

Viele Jahre später, im Roman „Das Rätsel der Ankunft“, seinem wohl intimsten, tastendsten Buch, erinnerte er sich an diese Reise. Und er erinnerte sich vor allem daran, was er damals nicht notiert hatte: Nicht den Abschied von seiner Familie am Flughafen. Und auch nicht die Begegnung mit der Stewardess, einer „strahlenden, weißen Frau“, die ihm auf seine Bitte hin den stumpf gewordenen Bleistift spitzte. Eine Art Triumph. Und ein Triumph auch, dass sie ihn mit „Sir“ angesprochen hatte. Ihn, dessen Vorfahren als Kontraktarbeiter nach Trinidad verschifft worden waren. Dessen Vater sich aus bettelarmen Verhältnissen hochgearbeitet hatte. Ihm hat Naipaul in „Ein Haus für Mr. Biwas“ – über einen tragikomischen Helden und sein Streben nach Erfolg – ein Denkmal gesetzt. Der Roman bedeutete seinen internationalen Durchbruch.

England dagegen sollte für Naipaul eine Enttäuschung werden. Er hatte es sich überwältigender vorgestellt. „Mehr und mehr empfand ich, dass die Großartigkeit der Vergangenheit angehörte – dass ich zur falschen Zeit hergekommen war, zu spät, um das England zu finden, das Herz des Weltreichs, das ich (der Provinzler aus der entlegenen Ecke des Reichs) imaginiert hatte.“ War das der Grund für seine Rastlosigkeit? Für die Tatsache, dass er so viel Zeit auf Reisen verbrachte, auf der Suche nach Wurzeln, vielleicht auch auf der Suche nach Gründen, warum das koloniale Reich niedergegangen war? Was er fand: Aufbruch und Verfall.

Ideale und deren Verrat. Korruption, Missbrauch. Diktatur. Fanatismus. Darüber schrieb er in seinen Essays und Reiseberichten (etwa „Indien – eine verwundete Kultur“, 1977) und in seinen Romanen. „An der Biegung des großen Flusses“ (1979) handelt vom Kaufmannssohn Salim, der von der afrikanischen Ostküste ins Landesinnere zieht, um dort ein Geschäft zu übernehmen. Doch in der Hauptstadt regiert der „Große Mann“, im Busch lauert die „Befreiungsarmee“, kaum schöpft Salim Hoffnung auf Stabilität, wird sie schon wieder zerschlagen.

Naipaul weigerte sich, den ehemaligen Kolonialreichen die Verantwortung für die Missstände in Afrika oder auf dem indischen Subkontinent zu geben. Und seine Grundhaltung gegenüber den Menschen, die er porträtierte, wurde immer weniger wohlwollend. In seinen späteren Werken, warf der indische Schriftsteller Amitav Ghosh ihm vor, habe er die ehemaligen Kolonialstaaten nur mehr karikiert und sie im Vergleich zu Europa als „halb fertig“ dargestellt.

Aber selbst seine größten Kritiker – und Berichte wie „Über den Glauben hinaus: Reisen unter den islamisierten Völkern“ riefen etliche auf den Plan – mussten ihm zugestehen, dass er präzise beobachtete, und dass er die Kunst der Beschreibung beherrschte wie kaum einer. Denn ja, das konnte er: mit wenigen Worten, in klaren Sätzen, so einfach und dringlich einen alten, gebückten Mann beschreiben, der in England über Felder und Wiesen schreitet, immer den gleichen Weg verfolgend, und der sich auch von Stacheldraht nicht daran hindern lässt. Oder wie die Frauen eines afrikanischen Dorfes auf Einbäumen die seichten, verwachsenen Kanäle befuhren, die das Dorf mit dem nächsten Fluss verbanden.

In den letzten Jahren war er doch noch zur Ruhe gekommen – in einem Häuschen im englischen Wiltshire. V. S. Naipaul – das V. S. steht für Vidiadhar Surajprasad, übersetzt „Spender der Weisheit“ und „Geschenk an die Sonne“ – ist am Samstag friedlich gestorben. Er wurde 85 Jahre alt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2018)

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