Der Krieg und die Kinder

Emphatisch schildert Sara Nović in „Das Echo der Bäume“ die Erlebnisse eines kroatischen Mädchens vor, während und nach dem Balkankrieg. Erinnerungen an fast Vergessenes.

Sara Novićs Protagonistin Ana schwankt zwischen zwei Identitäten: der vor und der nach dem Balkankrieg.
Sara Novićs Protagonistin Ana schwankt zwischen zwei Identitäten: der vor und der nach dem Balkankrieg.
Sara Novićs Protagonistin Ana schwankt zwischen zwei Identitäten: der vor und der nach dem Balkankrieg. – (c) Picasa/ Alan Caras

Der Einstieg in den Roman ist bezeichnend für diesen Konflikt: „In Zagreb begann der Krieg wegen einer Schachtel Zigaretten.“ Die zehnjährige Ana Jurić weiß auf die Frage des Trafikanten, ob sie für den Freund ihrer Eltern kroatische oder serbische Zigaretten kaufen wolle, keine Antwort, denn eine solche wurde ihr bisher noch nie gestellt. Plötzlich gibt es Unterschiede zwischen den Ethnien, gleichwohl den Kindern jahrelang eingetrichtert wurde, nicht auf diese zu achten, sondern nur auf panslawische Slogans wie „Brüderlichkeit und Einheit“.

Ana und ihr Freund Luka, der aus einer bosnischen Familie stammt, haben gerade Sommerferien; in diesem Jahr, 1991, ist etwas anders. Auf dem Zagreber Hauptplatz ist ein provisorisches Lager aufgebaut; Schachteln, auf denen „Spenden für die Flüchtlinge“ zu lesen ist, stehen aneinandergereiht davor. Luka wirft ein paar Münzen ein, Ana traut sich nicht. „Während wir wegfuhren, spürte ich einen Kloß im Hals, dem ich erst Jahre später einen Namen geben würde. Die Schuldgefühle der Überlebenden.“

Rahela, Anas kleine Schwester, wird in diesen ersten Tagen des politischen Umbruchs schwer krank. Daher entscheiden die Eltern, nach Sarajevo, wo noch kein Krieg herrscht, zu fahren, um das Mädchen in einem medizinischen Programm unterzubringen – gleichbedeutend mit einer Überstellung nach Amerika. Der Abschied fällt der Familie natürlich unerträglich schwer. Auf der Heimfahrt wird ihr Auto von bärtigen, bewaffneten Männern angehalten, die Straße ist durch einen gefällten Baum blockiert. Mutter, Vater und Ana werden zum Aussteigen gezwungen. Nach diesem Zwischenstopp ist für Ana nichts mehr wie vorher.

Kartenspiel und Waffenkampf.
Zehn Jahre später, 2001, spricht Ana vor der UNO zum Thema „Kinder im Krieg“. Sie sagt: „So etwas wie Kindersoldaten gab es in Kroatien nicht.“ Sie seien einfach nur Kinder mit Waffen gewesen. „Man suchte sich nicht aus zu kämpfen. Wir taten es, um zu leben.“ Sie seien nicht unter Drogen gesetzt worden wie Kinder in Sierra Leone, um danach zu töten. Ana wünscht sich sogar fast, das wäre passiert, um nun eine Ausrede zu haben. „Wir hatten keine Befehle entgegengenommen, sondern aus eigenem Antrieb von zerbombten Fenstern aus auf die JVA geschossen, nur um im nächsten Moment wieder Karten zu spielen oder um die Wette zu rennen.“ Die Bilder der Waffen erzeugen eine Art Sehnsucht in ihr – sie sind für sie gleichbedeutend mit Jugend, eine Erinnerung an ihre Kindheit.

Ihr neues Leben musste Ana sich erst aneignen, als sie zur Familie von Rahela, die nun Rachel genannt wird, kam; musste mit dem amerikanischen Konservatismus zurechtkommen; lernen, ihre Worte mit Bedacht zu wählen. Ihre Pflegemutter Laura sprach anfangs von „Schwierigkeiten“, „Unruhen“ oder „unglückseligen Vorfällen“, wenn sie den Balkankrieg meinte. Zu den Feierlichkeiten des 4. Juli, die sie erstmals im neuen Land erlebte, erlitt Ana eine Panikattacke, als Feuerwerke geschossen wurden. Sie wollte den bedrohlich wirkenden Wald hinter dem Haus nicht sehen, verkroch sich unter der Veranda. „Nachts blieb ich oft wach und war immer übermüdet, doch Schlaf bedeutete träumen, und das galt es zu vermeiden.“

Reise in die Vergangenheit.
Im selben Jahr, 2001, kehrt Ana erstmals zurück nach Zagreb. Sie trifft Luka und seine Familie wieder und fährt mit ihm in Richtung Bosnien, auf der Suche nach Anschluss an ihre Vergangenheit. „Es war meine Schuld, weißt du. Ich hatte sie dazu gebracht anzuhalten, um mittagzuessen. Wenn nicht, wären wir vielleicht vor der Straßensperre durchgekommen.“

Eindringlich, erschütternd, stark erzählt: Sara Nović schildert Facetten eines Krieges, der nur so wenige Kilometer von Österreich entfernt war und heute (gewollt) vergessen scheint, eingebettet in eine Erzählung über Identitätssuche. Die Protagonistin schwankt zwischen ihren zwei Leben: dem kindlichen europäischen Vorkriegs- und Kriegs-Ich und dem erwachsenen amerikanischen Nachkriegs-Ich.

Neu Erschienen

Sara Nović
Das Echo der Bäume

Übersetzt von
Judith Schwaab
btb Verlag
320 Seiten
22,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2018)

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