101, ziemlich weise, gar nicht leise

Jonas Jonasson lässt nach langer Debatte (mit sich selbst) den mittlerweile Hunderteinjährigen wieder auf die Welt los, um sie zu retten. So anarchisch und witzig wie das Original.

Die Fortsetzung eines Bestsellers zu schreiben ist ein riskantes Unterfangen. Jonas Jonasson gelingt es.
Die Fortsetzung eines Bestsellers zu schreiben ist ein riskantes Unterfangen. Jonas Jonasson gelingt es.
Die Fortsetzung eines Bestsellers zu schreiben ist ein riskantes Unterfangen. Jonas Jonasson gelingt es. – (c) Sara Arnald

Es dauerte ziemlich lange Zeit (und einige nicht so ganz gute Romane), bis Jonas Jonasson klein beigab und Allan Karlsson aus der literarischen Versenkung holte – den Hundertjährigen, der 2009 aus dem Fenster gestiegen und verschwunden war und so ganz nebenbei die literarische Welt im Sturm erobert hatte. „Ich hatte schon alles gesagt, was ich über das wahrscheinlich erbärmlichste Jahrhundert aller Zeiten hatte sagen wollen“, erklärt Jonasson im Vorwort. Doch dann kam Donald Trump, dann kam Kim Jong-un – und plötzlich schien das Erbärmlichkeitspotenzial des noch jungen 21. Jahrhunderts doch recht vielversprechend. Und dringend bedürftig des benevolenten Chaostalents aus dem hohen Norden.

Da traf es sich ganz günstig, dass diesem gerade ziemlich fad war. Denn das Luxusleben im Hotel am Strand von Bali, in dem Allan Karlsson zusammen mit seinem jungen 66-jährigen Freund Julius Jonsson am Ende seines ersten Abenteuers gelandet war, begann sich langsam etwas gleichförmig anzufühlen. Abwechslung bringt ein schwarzes „Tablett“ mit einem angebissenen Apfel hinten drauf, nach dessen Unterhaltungs- und Nachrichtenpotenzial Allan in Windeseile süchtig wird. Sein wiedererlangtes Interesse an der Welt plus gewisse Geldschwierigkeiten lassen Allan an seinem 101. Geburtstag die Gelegenheit beim Schopf und mit Julius in einem Heißluftballon die Flucht ergreifen.


Der Atombombe treu. Ab dann laufen die Dinge ganz nach Manier des Hundertjährigen und somit aus dem Ruder: Aus akuter Seenot werden die beiden Schweden ausgerechnet von einem nordkoreanischen Frachter gerettet, der unter anderem vier Kilo angereichertes Uran nach Pjöngjang transportiert. Allan besinnt sich seiner Vergangenheit als Mastermind hinter der ersten Atombombe und bietet flugs seine Dienste für die Anreicherung der Anreicherung an – in erster Linie, um nicht gleich wieder über Bord geworfen zu werden. Aus Nordkorea fliehen Allan und Julius mithilfe ihrer Ingenuität, sehr viel glücklichem Zufall und der schwedischen Außenministerin. Dann geht es in die USA, zu einer Golfpartie mit Donald Trump, einem Liebesbrief an Angela Merkel und zurück nach Schweden, wo Allan und Julius zufällig im Sarggewerbe und auf der Abschussliste eines schwedischen Nazis landen. Von der sie schließlich eine alte Bekannte rettet, damit sie dann die Welt von Afrika aus retten können.

Jonas Jonassons zufälliger Superheld ist auch als Hunderteinjähriger ziemlich weise und kein bisschen leise. Beschützt von der unergründlichen Hand eines amüsierten Zufalls irrlichtert Allan Karlsson durch eine Welt, die seiner ganz dringend bedarf (auch wenn sie das vorher vielleicht nicht immer wusste).


Weiser Narr trifft Weltpolitik. Der Erfolg scheint dem Roman auf jeden Fall sicher. Denn im Gegensatz zu seinen anderen Werken kehrt Jonasson wieder zu der unwiderstehlichen Mischung aus großer Weltpolitik und weisem Narren zurück, der den ersten „Hundertjährigen“ zum meistverkauften Buch Schwedens und zum globalen Reißer gemacht hatte. Er spart nicht mit seinen lakonischen treffsicheren Gags und bleibt hartnäckig für eine Überraschung gut. Erfrischend ist die Anarchie, mit der Allan Karlsson durchs Leben tigert, inklusive der zahlreichen absichtlich oder irrtümlich gerierten Leichen, die bald seinen Weg pflastern. Deprimierend ist, dass Jonasson sich nicht besonders anstrengen muss, um die Großen der Welt vorzuführen. Diese tun das schon selbst.

Das Risiko, einen Roman würdig fortzusetzen, steigt proportional mit dessen Erfolg und ist bei einem Weltbestseller entsprechend hoch. Jonasson überlässt deshalb nichts dem Zufall. Er schreibt einfach neun Jahre später praktisch nahtlos dort weiter, wo er 2009 aufgehört hat, inklusive einiger Déjà-vus wie Nordkorea, der Atombombe und rachsüchtigen schwedischen Gangstern. Und es gelingt ihm. Die „Hundertjährige“-Fangemeinde darf sich freuen. Ihr Allan Karlsson ist auch mit 101 dieselbe unkontrollierte Charmebombe wie mit hundert.

Neu Erschienen

Jonas Jonasson:
„Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten“

Übersetzt von Wibke Kuhn
Bertelsmann-Verlag
448 Seiten
20,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2018)

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