Der Polizist, der aus dem Nebel kam

Fred Vargas' neuer Krimi verpackt das Grauen auf fast märchenhafte Art und Weise. Es geht viel um Tiere – und um einen Ermittler auf der Höhe seiner ungewöhnlichen Fähigkeiten.

Geschickt verwebt die Französin Fred Vargas das Grauen von Vergangenheit und Gegenwart.
Geschickt verwebt die Französin Fred Vargas das Grauen von Vergangenheit und Gegenwart.
Geschickt verwebt die Französin Fred Vargas das Grauen von Vergangenheit und Gegenwart. – (C) Benjamin Decoin

Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg freut sich ganz und gar nicht, als er aus seinem neuen Refugium nach Paris zurückbeordert wird. Adamsberg hat sich nach seinem letzten aufreibenden Fall („Das barmherzige Fallbeil“) nach Island zurückgezogen – mit seinen schweigsamen Bewohnern und dem undurchdringlichen Nebel das perfekte Habitat für den Kommissar, der für gewöhnlich umso schärfer sieht je unklarer sich die Dinge darstellen.

Das beweist Adamsberg bei seiner Rückkehr auch umgehend, als er im Handumdrehen den schwierigen Fall löst, an dem sich seine Kollegen von der Brigade Criminelle des 13. Arrondissement die Zähne ausgebissen haben. Damit stellt Fred Vargas, die Grande Dame des französischen Krimis, gleich zu Anfang ihres neuen Romans „Der Zorn der Einsiedlerin“ klar: Auf diesen Ermittler ist Verlass, auch wenn er die Mannschaft mit seinen skurrilen Nachforschungen wieder einmal an den Rand der Verzweiflung treibt. Der treue Vargas-Fan hingegen zweifelt nie.

Denn wie so oft beginnt der eigentliche Fall mit einem vagen Gefühl, gerade einmal dem Hauch einer Ahnung. Diese befällt Adamsberg, als er auf dem Computerbildschirm eines Mitarbeiters einen Blick auf die Einsiedlerspinne erhascht. Dieses scheue Tier sorgt im Internet für große Aufregung, sind doch offenbar im Süden Frankreichs drei alte Männer ihrem Biss erlegen. Was erstaunlich ist, da das Gift einer einzigen Einsiedlerspinne für den Tod eines Menschen nicht ausreicht.


Meuterei im 13. Arrondissement. Während die Mehrheit ganz klar auf ein durch Alter geschwächtes Immunsystem oder ein Resultat des Klimawandels tippt, ist Adamsberg überzeugt, dass es sich bei den Toden der Männer nicht um Zufälle handelt. Seine Mannschaft ist von dieser Idee ganz und gar nicht begeistert. Zu oft schon wurden sie von den kapriziösen Ermittlerlaunen ihres Chefs in unsichere Gewässer geführt. Diesmal ist es ausgerechnet Adamsbergs treuer Adjutant Danglard, der sich an die Spitze der Meuterei stellt – damit allerdings nicht weit kommt.

Denn bald schon hat der eigensinnige Kommissar genügend Indizien zusammengetragen, die seine These vom Mord per Spinnengift stützen. Seine wichtigste Spur führt in das Waisenhaus La Miséricorde, in dem alle (Spinnen-)Fäden zusammenlaufen.

In „Der Zorn der Einsiedlerin“ zeigt sich Fred Vargas von ihrer geschicktesten Seite. Einerseits versteht sie es, immer wieder mit dem ermittlerischen Geschick Adamsbergs zu überraschen, andererseits baut sie Spannung gerade dadurch auf, dass sie den Leser schon lang vor dem Kommissar klar sehen und darauf warten lässt, welches Detail ihn letzten Endes auf die richtige Fährte führen wird. Selbst wenn das bei einem so klugen Kopf dann doch etwas überrascht.

Das Grauen, von dem es in „Der Zorn der Einsiedlerin“ wahrlich genügend gibt, verpackt Fred Vargas auf fast märchenhafte Art und Weise. Wölfe laufen hier zur Genüge durch die Wälder, mit und ohne Schafspelz. Wie es in diesem Krimi insgesamt von Tieren wimmelt. Fast könnte man meinen, Fred Vargas sei nicht Archäologin und Historikerin, sondern Zoologin. Es geht nicht nur um Spinnen, sondern auch um Muränen, Vögel und vor allem um Blapse (Totenkäfer). Die Tiere stellen auch das neutrale Terrain, auf dem Adamsbergs Mitarbeiter selbst auf dem Höhepunkt ihres Konflikts zueinanderfinden können, etwa wenn alle kooperieren, um die Brut des Amselpärchens im Hof der Polizeistation zu retten.


Bewährte Muster. Sonst bleibt Fred Vargas eher bewährten Mustern treu. Für die Lösung des Falls muss Adamsberg weit in der (eigenen) Vergangenheit nachforschen. Und auch diesmal tragen die großartigen Charaktere der Brigade Criminelle viel zum Gelingen des Krimis bei – allen voran die schüchterne Froissy mit ihrer Versorgungsmanie, Violette Retancourt, die unerschütterliche „Mehrzweck-Göttin“ der Brigade und Adamsbergs Jugendfreund und treuer Adlatus Louis Veyrenc de Bilhc.

Das Buch:

Fred Vargas
„Der Zorn der Einsiedlerin“

Übersetzt von
Waltraud Schwarze
Limes Verlag
512 Seiten
23,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2018)

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