Tauchgang in die Tiefen New Yorks

Jennifer Egans mäandernder Roman „Manhattan Beach“ nähert sich der Metropole vom Wasser. Er taucht in die Unterwelt, in die 1940er-Jahre – und ins Leben einer Marinetaucherin.

Jennifer Egan am Hafen in Brooklyn, dem Hauptschauplatz ihres Romans „Manhattan Beach“.
Jennifer Egan am Hafen in Brooklyn, dem Hauptschauplatz ihres Romans „Manhattan Beach“.
Jennifer Egan am Hafen in Brooklyn, dem Hauptschauplatz ihres Romans „Manhattan Beach“. – (c) Pieter M. Van Hattem

In Jennifer Egans virtuosem Roman „Der größere Teil der Welt“ („A Visit from the Goon Squad“) steigt eine Figur im Drogennebel in den eisig grauen New Yorker East River – und taucht nicht wieder auf. Das verschlungene Porträt der Musikindustrie – ein Romanexperiment in 13 Skizzen – trug der Autorin vom Pulitzerpreis abwärts Lobeshymnen und renommierte Kritikerauszeichnungen ein. Selbst Jonathan Franzens Meisterwerk „Freiheit“ hatte das Nachsehen. Die Kalifornierin, die als Studentin ein Heiratsangebot des spleenigen Apple-Gründers Steve Jobs abgelehnt hat und die nach wie vor große Sozialreportagen für das Sonntagsmagazin der „New York Times“ schreibt, ist zum Shootingstar der US-Literatur aufgestiegen.

In „Manhattan Beach“, ihrem neuen Roman, wählte Egan einen konventionelleren Zugang, wenngleich die Ambition auf die „Great American Novel“ sich schon am etwas prätentiösen Zitat aus Herman Melvilles Klassiker „Moby Dick“ ablesen lässt, das sie dem Buch voranstellt: „Ja, wie jeder weiß, sind Besinnlichkeit und Wasser auf ewig vermählt.“ Das Meer als Metapher hallt bei Egan als Echo wider, das selbst in die Literaturgeschichte eingehen könnte: „Die See sehen, die See, die See, die See.“ Aus der Tiefe der Seele kommt die Sehnsucht von Lydia, der schwer behinderten Schwester der Protagonistin, als sie erstmals der Weite des Ozeans ansichtig wird.

Emanzipation in Kriegszeiten. Die 56-Jährige, die wie so viele ihrer Schriftstellerkollegen inzwischen im Bobo-Biotop Brooklyn lebt, kehrt in „Manhattan Beach“ zurück zum East River, der praktisch vor ihrer Haustür langsam und träge in den Atlantik strömt. Es ist indessen ein mäandernder New-York-Roman, der sich vom Wasser her der Metropole nähert. Und es ist eine vielschichtige Emanzipationsgeschichte. Egan taucht dabei in die Unterwelt ein, in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und in die 1940er-Jahre, als Frauen für die Kriegsproduktion unerlässlich waren und toughe Männerjobs wie Schweißen verrichteten.

In der Marinewerft in Brooklyn, in der das Kriegsschiff USS Missouri später für die Schlacht von Iwo Jima vom Stapel laufen sollte, erfüllt sich die junge Anna Kerrigan gegen alle Widerstände ihren großen Traum als Marinetaucherin. Sie zwängt sich in ihr „Kleid“, in die bleischwere Tauchermontur samt metallenem Helm. „Ihr Leben war ein Kriegsleben; der Krieg war ihr Leben“, schreibt Egan. Unter Wasser vermutet die burschikose Anna Schätze, Geheimnisse – und nicht zuletzt die Leiche ihres Vaters Eddie. Er ist vor Jahren von einem Tag auf den anderen verschwunden, nachdem sich der Gewerkschaftsfunktionär im Nebenjob mit dem Nachtklubboss Dexter Styles und der Mafia eingelassen hatte.

Jahre zuvor, zur Zeit der großen Depression und gleich zu Beginn von „Manhattan Beach“, haben sich erstmals die Wege der drei Hauptfiguren am geradezu mythisch beschriebenen Strand gekreuzt. Die elfjährige Anna streckt ihre Füße ins eiskalte Meer, und Styles fragt sie, wie es sich anfühle. „Tut nur am Anfang weh“, sagt sie unerschrocken. „Nach einer Weile spürt man nichts mehr.“ Es klingt wie die Lebensphilosophie eines Mädchens, das wegen des mysteriös verschollenen Vaters früh für Mutter und Schwester aufkommen muss – und in ihrem Job, im Ab- und Untertauchen, die Schwerelosigkeit einer anderen Sphäre empfindet.

Das Schicksal ihres Dads geht ihr nicht aus dem Kopf, und so sucht Anna schließlich den Unterweltkönig Dexter Styles an der Upper West Side auf. Die Handlungsstränge verschränken sich, als auch ihr tot geglaubter Vater als Matrose wieder auftaucht. Die Ober- und die Unterwelt, das New York der „Happy Few“ und das der Arbeiterschicht, jenes der Mafia und der Gewerkschaft an den Hafendocks – wie in Elia Kazans Film „On the Waterfront“ – beleuchtet Egan vor dem Panorama des Zweiten Weltkriegs. Sie entwickelt daraus den suggestiven erzählerischen Sog eines Romans mit facettenreichen Milieuschilderungen und fulminant recherchiertem Detailwissen, dem jedoch die innovative Kraft von „Der größere Teil der Welt“ abgeht. Jennifer Egan liebt eben die Abwechslung.

Neu Erschienen

Jennifer Egan
„Manhattan Beach“


Übersetzt von Henning Ahrens

S. Fischer Verlag
496 Seiten
22,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2018)

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