Sara Paretsky: Totgeglaubte schießen länger

„Kritische Masse“ markiert die Renaissance von „Sister in Crime“ Sara Paretsky. Der feine Krimi führt vom Wien der 1930er Jahre bis in amerikanische Meth-Küchen der Gegenwart.

Sara Paretsky schuf eine der Ur-Heldinnen des hartgesottenen Krimis.
Sara Paretsky schuf eine der Ur-Heldinnen des hartgesottenen Krimis.
Sara Paretsky schuf eine der Ur-Heldinnen des hartgesottenen Krimis. – Steven E Gross

Sie sagt „Kanone“, wenn sie Waffe meint. Und Leute, die sie nicht mögen, nennen sie „Schnüfflerin“. Das sind aber auch schon die einzigen Hinweise, dass eine der Ur-Heldinnen des hartgesottenen Detektivgenres, Victoria Iphigenia „Vic“ Warshawski, ein wenig in die Jahre gekommen sein könnte. Denn Vics mittlerweile 16. Fall „Kritische Masse“ ist so furios, wie man es von Autorin Sara Paretsky gewohnt ist: ein Parforce-Ritt durch Ort und Zeit, rückwärts durch die Geschichte: von Hightech-Laboratorien in Vics Heimatstadt Chicago über das US-Atomwaffenprogramm der 1950er Jahre, amerikanisierten Nazi-Wissenschaftlern und ihren jüdischen Kontrahenten.

Für Leser, die nicht erst seit gestern Krimis lesen, hat „Kritische Masse“ ebenfalls fast historisches Flair. Denn Autorin Sara Paretsky (71) ließ V. I. Warshawski erstmals 1982 in „Schadenersatz“ ermitteln: eine Privatdetektivin mit Köpfchen, die aber auch, wenn nötig, ganz gut zulangen konnte. Respekt vor der Obrigkeit fehlte der Tochter eines polnischen Polizisten und einer italienischen Musikerin ebenso wie Toleranz für jede Art von Korruption – materiell oder moralisch.

20 Jahre lang war Sara Paretsky tonangebend unter den weiblichen Krimi-Stimmen, bis sie von neuen Varianten des Genres verdrängt wurde: von psychologischen Krimis, von Serienmördern und von den „Spiegel-hinter-dem-Spiegel“-Krimis, in denen nichts ist, wie es scheint. Wer braucht da schon eine „Schnüfflerin“, die wieder mal ihre „Kanone“ vergessen hat?


Schlagkräftig wie eh und je. Offenbar mehr Leser, als man denkt. Denn „Kritische Masse“ eroberte aus dem Stand Platz Eins der deutschen Krimi-Bestenliste. Das bestätigt die Entscheidung von „ariadne“-Verlegerin und Co-Übersetzerin Else Laudan, Paretsky aus der deutschsprachigen Versenkung zu holen. „Stellt Euch mein Entzücken vor, als ich entdeckte, dass diese Quelle nie versiegt war“, schreibt sie in ihrem Vorwort. Und stellt Euch das Entzücken der Leserin vor, als sie feststellen durfte, dass das Alter spurlos an Vic Warshawski vorbeigezogen ist. Obwohl sie bei ihrem ersten Fall ungefähr so alt gewesen sein dürfte wie ihre damals 35-jährige Schöpferin Paretsky, rollt sie sich noch immer geschickt ab, schlägt gekonnt zu und schafft es aus einem zugenagelten Kellerverlies.

Ihre körperlichen Fähigkeiten sind in „Kritische Masse“ mindestens ebenso gefordert wie ihre grauen Zellen. Der Fall beginnt mit dem Anruf der drogensüchtigen Judy Binder in der Praxis von Vics mütterlicher Freundin Lotty Herschel. Die Herschels und die Binders sind zwei auf antagonistische Weise verbundene jüdische Familien, beide aus Wien stammend. Der Anruf führt Vic in eine Drogenküche in der amerikanischen Prärie, wo sie eine grausam zugerichtete Leiche findet. Gleichzeitig verschwindet Martin Binder, Judys Sohn, der für einen führenden US-Technologiekonzern arbeitet und der Firmenspionage verdächtigt wird.

Warshawskis Recherchen führen sie immer weiter in die Vergangenheit der beiden Familien zurück – vor allem zu Martina Saginor, Martins Urgroßmutter und eine der führenden Physikerinnen in der Zwischenkriegszeit in Wien. Während des Krieges musste sie für die Nazis arbeiten, doch verliert sich ihre Spur auf einem der Todesmärsche. Martina Saginors Hinterlassenschaft allerdings wirkt nach – und die kostet immer mehr Menschen in Warshawskis Umfeld das Leben.

„Kritische Masse“ ist – um nochmal mit Else Laudan zu sprechen – ein Beweis dafür, wie ungeheuer viel Welt zwischen die Buchdeckel eines guten Krimis passt. Und auch wenn man sich als Leser zeitweise anstrengen muss, um alle Entwicklungen und Fakten in der Luft zu halten – dieser geistige Jongleurakt zahlt sich wirklich aus.

Neu Erschienen

Sara Paretsky: "Kritische Masse", Übersetzt von Laudan & Szelinski, Ariadne/Argument 540 Seiten, 24,70 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.01.2019)

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