„Ein liebendes, treues Tier“: Familie am Abgrund

In einer Kleinstadt im Südwesten Australiens spielt das Drama einer Familie, die in ihre Einzelteile zerfällt: Josephine Rowes Prosa ist eindringlich und poetisch – und ziemlich hart.

(c) Liebeskind-Verlag

„Wenn er tot wäre, würden wir das doch erfahren. Mach dir da mal keine Gedanken. Und wenn er gefunden werden wollte, würden wir das ebenfalls erfahren.“ Was ist passiert? Jack hat seine Familie verlassen, ist abgehaut, nachdem ein Wildtier seinen geliebten Hund in Stücke gerissen hat. Als er noch da war, bei seiner Frau Evelyn und den beiden Töchtern Ruby und Lani, war er kein Bilderbuchvater, eher das Gegenteil: ein Veteran des Vietnam-Krieges, gewalttätig, abwesend, seltsam. Er trägt die Erinnerungen des brutalen Einsatzes mit sich herum: „Willkommen zu Hause, Temazepam! Willkommen zu Hause, Valium! Willkommen zu Hause, Clozapin! Das ist eine Parade. Schwenk selbst deine verdammte Fahne.“

Wie weiterleben? Das Verschwinden des Vaters hinterlässt große Leere bei seinen Nächsten, die sich durch den dichten und sehr poetischen Roman zieht. Der jungen australischen Schriftstellerin Josephine Rowe ist ein Porträt einer Familie am Abgrund gelungen. Es ist ein hartes Stück Literatur. Ganz nah ist sie an ihren problembeladenen Protagonisten, erzählt aus wechselnden Innenperspektiven: Da ist die Tochter Lani, die die Beruhigungspillen ihres Vaters auf Parties verkauft; und Ruby, die doch noch fürsorgliche Familienverhältnisse kennenlernt.

Rowe erklärt wenig, schreibt unvermittelt, nutzt Rückblenden und Monologe. Eine anspruchsvolle Lektüre, die sich lohnt. som

Josephine Rowe: „Ein liebendes, treues Tier“, übersetzt von Barbara Schaden, Liebeskind-Verlag, 207 Seiten, 20,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2019)

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