„Dieser Odysseus – dauernd weint er!“

Kritik US-Autor Daniel Mendelsohn erzählt in „Eine Odyssee“ bewegend, wie er und sein Vater zueinander kommen – durch ein jahrtausendealtes Stück Literatur.

Ist Odysseus Held – oder weinerlicher Lügner? Hier spielt ihn Sebastian Pass in der Volkstheater-Produktion „Iphigenie in Aulis/Occident Express“.
Ist Odysseus Held – oder weinerlicher Lügner? Hier spielt ihn Sebastian Pass in der Volkstheater-Produktion „Iphigenie in Aulis/Occident Express“.
Ist Odysseus Held – oder weinerlicher Lügner? Hier spielt ihn Sebastian Pass in der Volkstheater-Produktion „Iphigenie in Aulis/Occident Express“. – (c) Lupispuma/Volkstheater

Es ist die Geschichte von einem Sohn und einem Vater, die nie richtig miteinander reden konnten – bis der Sohn Altphilologe wird und der Vater halb aufsässig, halb gelehrig in dessen Homer-Seminar sitzt. Bald danach ist das Schweigen wieder da – auf der Intensivstation. Aber ein beredtes Buch entsteht: „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich“.

Den Sohn, der es geschrieben hat, kennt man gut, vor allem in den USA: als Journalisten, Kritiker und Autor von Büchern, für die er einige der begehrtesten amerikanischen Literaturpreise bekommen hat. In „Eine Odyssee“ findet man ihn in herrlich skurrilen Situationen wieder: Sein 81-jähriger Vater, Jay, ein pensionierter Mathematiker, hat beschlossen, am Homer-Seminar seines Sohnes teilzunehmen.

 

Ein Held oder ein Betrüger?

Eigentlich hat er versprochen, schön still ganz hinten zu sitzen, daraus wird aber nichts. Lautstark gibt er seine Ansichten über Odysseus kund, an dem er ständig etwas auszusetzen hat. Er ist für ihn kein Held, sondern ein weinerlicher Wicht, ein Lügner, Betrüger, Ehebrecher. Was ist das für ein Anführer, der all seine Gefährten verliert! Und dauernd weint er! „Ich kam mir wie ein Elfjähriger vor“, schreibt Daniel Mendelsohn, „und Odysseus war ein frecher Klassenkamerad, zu dem ich halten würde, auch wenn das hieß, dass ich mit ihm bestraft würde.“

Aber das Seminar schreitet fort – und mit ihm die Vater-Sohn-Beziehung. Sie vertieft sich – und gerade das ist das Schöne – auf dem Umweg über fremde Worte; über diese fast drei Jahrtausende alte Geschichte und die existenziellen Fragen, die sie weckt. Gibt es für den Einzelnen die eine „wahre“ Identität? Soll der Mensch sich selbst genügen? Kann man einen anderen Menschen je wirklich verstehen? Oder was ist es, das Odysseus und seine Frau Penelope einander nach zehn Jahren Trennung wiedererkennen lässt? Die Studenten rätseln – „die eigenen Erinnerungen“, sagt der Vater.

Das liest sich stellenweise selbst wie ein spannendes Homer-Seminar, aber vor allem ist es einfach eine neue, wunderbare Geschichte über Zuneigung und Bindung. Jay wohnt weit weg von der Uni, jetzt übernachtet er öfter bei Daniel – im schmalen Bett, das er selbst 50 Jahre zuvor für seinen Sohn gebaut hat. Es kommt immer wieder vor, dieses Bett, es bekommt etwas Unverrückbares – wie das Ehebett von Odysseus, das er so gebaut hat, dass man es nicht von der Stelle bewegen kann.

Die wichtigste Bewegung im Buch ist das Kreisen. Odysseus bewegt sich kreisförmig voran, verlässt immer wieder einen Ort, um später zurückzukehren, die größte Kreisbewegung führt von Ithaka nach Ithaka. Aber auch die „Odyssee“ selbst ist ringförmig erzählt, schraubt sich unentwegt von der erzählten Gegenwart in die Vergangenheit und zurück. Das Leben, ein Kreis: Auch in einer Szene aus Daniels Kindheit fliegen der Vierjährige und sein Vater im Flugzeug aufgrund technischer Probleme stundenlang im Kreis. Von Panik keine Spur, es ist ein Bild der Innigkeit: „In der ganzen Zeit haben wir kein einziges Wort miteinander geredet“, fällt Daniel auf. „Wir hatten ja unsere Bücher.“

Die ergreifendste kleine Geschichte aber ist die, warum der Vater so schlecht Latein kann. Latein sei in seiner Schule nicht verpflichtend gewesen, erzählt Jay. Der Lehrer sei ein europäischer Emigrant gewesen, „ein Deutscher, der es gerade noch geschafft hatte. Ich weiß noch, dass er Wert darauf legte, gut gekleidet zu sein, obwohl man sehen konnte, dass seine Sachen oft gewaschen worden waren, der Hemdkragen war ausgefranst.“ Als er am Ende des Jahres gefragt habe, wer weitermachen wolle, hätten alle geschwiegen.

 

Nur wertvolles Wissen im Gepäck

Jahrzehnte später, schreibt Mendelsohn, schien es den Vater immer noch zu beschäftigen, dass sie „das Angebot jenes liebenswürdigen deutschen Juden abgelehnt hatten, der von so weit her gekommen war, mit nichts anderem im Gepäck als seinem wertvollen Wissen.“ Auch den Sohn schmerzt „das fast unerträgliche Bild eines Lehrers, dessen Wissen niemand haben wollte“.

Man könnte sich fragen: Warum insistiert Mendelsohn so auf biografischen „Nebensächlichkeiten“, der vagen Erinnerung an einen Flug, an einen Menschen mit ausgefranstem Hemdkragen? Es ist die Frage nach dem Sinn des Erzählens selbst. „Eine Odyssee“ scheint sie ständig zu stellen, gibt aber keine Antwort darauf – sie ist selbst eine Antwort: Hier stiftet das Erzählen, die erzählte Erinnerung nämlich in einem fort Beziehung – zwischen den Zeiten oder zwischen nächsten Verwandten. Hier versuchen Vater und Sohn jeder für sich, erzählend zu verstehen – mehr noch: Geschehenes wiedergutzumachen, Dingen einen Platz zu geben, den sie nicht hatten. Oder Menschen gerecht zu werden, weil man es früher nicht war.

Zur Person

Daniel Mendelsohn, 1969 in New York geboren, ist vor allem als Kritiker und Autor preisgekrönter Bücher bekannt: In „The Elusive Embrace“ (1999) etwa verknüpfte er Autobiografisches über sein Doppelleben als Homosexueller und Familienvater mit Identitätsfragen, Familiengeschichte und klassischen Mythen. In „Die Verlorenen. Eine Suche nach sechs von sechs Millionen“ (2006) ging er der Geschichte einiger im Holocaust umgekommener Verwandter nach. „Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich“ ist im Siedler-Verlag erschienen: 348 Seiten, 26,80 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2019)

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