„Gut in Schuss und gut bestückt“

Liebe in Zeiten von Dating-Apps verhandeln Dominique Goblet und Kai Pfeiffer in ihrem Comicband „Bei Gefallen auch mehr . . .“ – ein Bilderrausch jenseits jeder Konvention.

Panels zwischen Wunsch, Wirklichkeit und Wahn: „Bei Gefallen auch mehr . . .“
Panels zwischen Wunsch, Wirklichkeit und Wahn: „Bei Gefallen auch mehr . . .“
Panels zwischen Wunsch, Wirklichkeit und Wahn: „Bei Gefallen auch mehr . . .“ – Avant Verlag

Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“: Ach, das war ja so Siebziger! Woody Allens Sexgroteske, Bezug nehmend auf ein gleichnamiges, durchaus ernst gemeintes, US-amerikanisches Aufklärungsbuch jener Tage, nimmt sich angesichts der Schlagzeilen, wie sie heute bis hinein in den medialen Mainstream gang und gäbe sind, ähnlich unschuldig aus wie „Die goldene Banane von Bad Porno“, die mir ehedem vom Portal des Nestroykinos verheißungsvoll annonciert wurde.

„Warum Fisting zu Unrecht einen schlechten Ruf hat“, wird gegenwärtig genauso akribisch disputiert wie das augenscheinlich virulente Problem, ob eine operative Vergrößerung des G-Punkts oder das Verkürzen der Schamlippen „etwas bringt“. Und weil „Blümchen-Sex“ in Zeiten radikaler Individualisierung schon längst nicht mehr genügt, geht bei uns, „50 Shades Of Grey“-trainiert, wie wir nun einmal sind, ohne Kabelbinder und Klebeband erregungsmäßig ohnehin gar nichts mehr. Dass so gut wie zeitgleich mit dieser bestseller- und blockbustertauglich weichgespülten Sadomaso-Euphorie die #MeToo-Debatte losbrach, gehört zu jenen ironischen, doch niemals zufälligen Koinzidenzen, wie sie geschichtliche Abläufe immer wieder für uns bereithalten.

Allerdings: Offen bleibt in jedem Fall die Frage, wie viel von der medial gepushten Überhitzung sich tatsächlich in den Schlafzimmern oder sonst wo immer im realen Leben wiederfindet. „Oversexed and underfucked“ lautete schon 2007 der lakonische Befund der deutschen Philosophin Ariadne von Schirach zum Lustleben unserer westlichen Welt, und tatsächlich fehlt nicht viel, dass man meinen könnte, Maulheldentum sei die einzige Form von Oralsex, die dieser Tage verlässlich praktiziert werde.


In Sekunden zum Orgasmus. Dass Frauen und Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs, zwischen einem alles abverlangenden Berufsleben und der Forderung, nebstbei ideale Partner, ideale Erzieher und womöglich auch noch ideale Pflegepersonen der eigenen Elterngeneration zu sein, sich in ihrer kargen Freizeit stante pede in Wolluststute und Potenzhengst verwandeln, sprudelnde Kaskaden von Klimaxen inklusive, scheint nicht eben plausibel. Wie anders wäre es zu erklären, dass im Online-Kiosk Blendle ausgerechnet die „SZ-Magazin“-Story über einen Luxusvibrator – „innerhalb von Sekunden zum Orgasmus“, so das kolportierte Versprechen – die Verkaufscharts des Monats anführt?

Dass andererseits in der zumindest allseits proklamierten Masse via Dating-Apps vermittelter One-Night-Stands mehr zu finden wäre als unverbindlich-physische Erleichterung des Hormonstaus, wird detto kaum glaubhaft zu vermitteln sein.

Auch Dominique Goblet und Kai Pfeiffer dürften, was insbesondere letztgenannten Punkt betrifft, so ihre Zweifel haben. Die Belgierin, Jahrgang 1967, und der neun Jahre jüngere Deutsche haben sich zu einem Comicprojekt der ungewöhnlichen Art zusammengefunden. „Bei Gefallen auch mehr . . .“ nämlich ist das Ergebnis eines Experiments: Vergleichbar einem Briefroman haben beide unabhängig voneinander fertig illustrierte DIN-A4-Blätter zwischen Brüssel und Berlin hin- und hergeschickt, jedes Blatt in vier Panels geteilt. Das Thema: die Suche nach Liebe per Internet. Ergebnis, erreicht in mehreren Schritten der Ordnung und Annäherung: ein formal wie inhaltlich rasender Rausch, der von den Oberflächen unserer Sehnsüchte und Begierden, unserer erotischen Bedürfnisse bis in deren tiefste Abgründe führt.


Schnell ein Date. „Inspirationsquelle für uns waren Profiltexte auf Onlinedating-portalen in Frankreich“, sagte Kai Pfeiffer jüngst in einem Interview für den Deutschlandfunk. „Alle Anzeigen, die man im Band liest, sind tatsächlich echte Texte, die wir übernommen haben. Denn es gibt nichts Fantastischeres als diese Profiltexte, fast Konkrete Lyrik, die Männer schreiben, wenn sie sich noch schnell ein Date erhoffen, in ihr Smartphone tippen und sich nicht korrigieren. Die kommen auf Dinge, die man sich nicht ausdenken könnte.“ Als da etwa wäre: „Altes Schwein 60 Jahre 1m75 75kg gut ausgestattet 20✕5cm sucht zwei bi Freundinnen oder zwei Schwestern für Delirium zu dritt, ich zeige mich nackt, ihr werdet begeistert sein, denn ich bin wirklich gut in Schuss und gut bestückt.“ Da möchte man doch dringend Adressatin werden.

Erzählt wird nicht aus männlicher Perspektive, sondern aus dem Erleben einer Frau, seit einiger Zeit geschieden, die Tochter ausgezogen, einer Single-Frau von vielen ihres mittleren Alters, die ihrer Einsamkeit via Dating-Apps zu entkommen sucht. Und nicht einen Mann, eine ganze Männergruppe versammelt sie in ihrem Haus. Aber tut sie das wirklich, oder ist es bloß Fantasterei, Wunschdenken vielleicht, zum Leben erwachte Vorstellungen, Kino im Kopf, was sich anschließend zwischen den Büchern ihrer Bibliothek, später im Garten ereignet? Andererseits: Ist die Klärung dieser Frage für sie, für uns als Betrachter überhaupt von Belang?

Dort, wo jede Sprache zwangsläufig versagt, in unserem innersten Begehren, dort, wo Imagination und Wirklichkeit stets ineinanderfließen, selbst dann, wenn uns Erfüllung jeder nur gewünschten Art teilhaftig wird, in unseren Leidenschaften und Obsessionen, dort haben die Panels von Goblet und Pfeiffer ihre eigentliche Heimstatt. In einer Bildsprache, die Klarheit, Deutlichkeit, Unmissverständlichkeit der Zeichnung gegen das Vage, Ungefähre des Aquarellierten setzt, in der sich alles konkretisiert und schon im nächsten Panel buchstäblich zerrinnt, als wär es Täuschung, Trugbild, Hirn- oder vielmehr Herzgespinst. Die Frau hat das letzte Wort: „Und am Ende werdet ihr wohl mit nichts dastehen . . .“ Damit ist alles gesagt.

Das Buch

„Bei Gefallen auch mehr . . .“

Von Dominique Goblet und Kai Pfeiffer. Aus dem Französischen von Kai Pfeiffer. 180 S., € 39,95 (Avant Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2019)

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