Leibarzt am Hof des Schahs

Die unglaubliche Lebensgeschichte des Altösterreichers Jacob E. Polak.

Er war ein Wanderer zwischen der jüdischen, christlichen und islamischen Lebenswelt: Der 1818 im Kronland Böhmen geborene und in Wien ausgebildete jüdische Arzt Jacob E. Polak, hochgeehrt gestorben 1891. Er konnte das Akademische Gymnasium in Prag absolvieren, dann zog es ihn nach Wien, er studierte bei den bekanntesten Chirurgen ihrer Zeit. Man nimmt an, dass sich Polak mit seinen Kommilitonen an der bürgerlich-liberalen Revolution der Studenten 1848 beteiligte. Es gelang eine Bekanntschaft mit dem Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall. Und so ergab sich ein erster Kontakt mit Mehmet Nafy Efendi, dem damaligen Botschafter des Osmanischen Reichs in Wien. Polaks Interesse an der Türkei und dem hierzulande völlig unbekannten Persischen Reich wuchs.

 

Lehrer in Teheran

So konnte er eine Ausschreibung des Schahs von Persien, Naser ed-Din Schah Qajar, gewinnen, der europäische Offiziere, Ärzte und Naturwissenschaftler mit einem Arbeitsvertrag für vier bis sechs Jahre lockte. Nur sechs Monate benötigte er, um in Teheran die Studenten ohne Hilfe eines Dolmetschers unterrichten zu können. Nicht immer war er zufrieden. Der Studieneifer seiner Hörer „erkalte“ rasch, musste er feststellen. „Das liegt im Charakter des Orientalen; fasst und begreift leicht, wähnt sich aber schon nach den ersten Schritten an der Grenze des Wissens angelangt und lässt dann schlaff die Arme sinken . . .“

Als Repräsentant der renommierten 2. Wiener Medizinischen Schule konnte er exemplarisch die persische Wissenskultur mit der europäischen vereinen. Und durch seine rege Korrespondenz erfuhr Europa auch erstmals etwas über Krankheiten und Epidemien in Asien.

 

Mit dem Herrscher in Wien

Der Mann aus Böhmen war ein Phänomen: Botanische, zoologische und geologische Expeditionen füllten sein Leben aus, ohne die herausragende Rolle zu vernachlässigen, die er am persischen Hof spielte: Leibarzt des Schahs. Dieser Herrscher ist noch heute im kollektiven Gedächtnis der Wiener lebhaft verankert, weil er als Gast Franz Josephs die Wiener Weltausstellung 1873 besuchte und danach mit prächtigem Hofstaat Österreich bereiste. An seiner Seite natürlich auch damals Jacob E. Polak. Joseph Roth hat den Schah-Besuch als Plot für die entzückende „Geschichte von der 1002. Nacht“ verwendet. Michael Heltau gestaltete das Werk als Hörbuch zu einem zeitlosen Erlebnis.

 

Grabstein im Bauschutt

Zurück zu Polak. Der verlängerte seinen Kontrakt. Neun Jahre lebte und lehrte und forschte er in Persien, fungierte als Vermittler und Interpret zweier Kulturen. Und, heimgekehrt, war er natürlich im Habsburgerreich die höchste Experteninstanz, was das Land Persien betraf.

Dann war er lange Zeit so gut wie vergessen. Erst 1982 erkannte man in Teheran wieder seine Bedeutung, als erstmals Polaks Hauptwerk, „Persien. Das Land und seine Bewohner“, ins Persische übersetzt wurde. Es ist das Verdienst der Autorin dieser Studie, diesem großen Altösterreicher auch hierzulande wieder zur Geltung zu verhelfen. Mehr noch: Sie forschte nach dem Grabstein des berühmten Arztes in der israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs. Und tatsächlich fand sie in einem Bauschuttcontainer Bruchstücke des Grabsteins. Sie wurden geborgen, zusammengesetzt und dem Weltmuseum Wien übergeben.

 

Zum Buch:

Afsaneh Gächter
„Der Leibarzt des Schah
Jacob E. Polak – eine westöstliche Lebensgeschichte“

New Academic Press,
284 Seiten, € 26,50

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2019)

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