Alter Adel residiert gern im Verborgenen

Zwei „Entdecker“ zeigen uns Schlösser und Palais rund um Wien.

Robert Bouchal, Johannes Sachslehner „Verschlossen Die verborgene Welt der Adelssitze rund um Wien“  Styria, 239 Seiten, € 29,-
Robert Bouchal, Johannes Sachslehner „Verschlossen Die verborgene Welt der Adelssitze rund um Wien“  Styria, 239 Seiten, € 29,-
Robert Bouchal, Johannes Sachslehner: „Verschlossen Die verborgene Welt der Adelssitze rund um Wien“, Styria, 239 Seiten, € 29,- – (c) Styria

Der Fotograf und Kartograf Robert Bouchal war wieder mit seinem schriftstellerischen Freund Johannes Sachslehner unterwegs. Viele unterirdische Geheimnisse haben sie schon gelüftet, diesmal bereisen sie die Gegend rund um Wien. Und entdecken Paläste, Burgen, Schlösser, die sich den Blicken der dahinrasenden Automobilisten geschickt entziehen. Es sind, schreiben die Autoren, „Monumente der feudalen Welt Altösterreichs“. Sie zeugen von Bedeutung und Größe ihrer adeligen Erbauer und Besitzer, manche freilich scheinen unrettbar dem Verfall preisgegeben. Ein Großteil ist liebevoll, mühevoll restauriert. Schloss Petronell etwa, ein „Palast auf römischem Boden“, 1956 praktisch eine Ruine, nachdem die sowjetische Besatzung abgezogen war. Das erfahren wir übrigens bei vielen der hier besuchten Gebäude. Das Land half in diesem Falle, dennoch harrt das Schloss einer künftigen Bestimmung.

Es ist ebenso in privatem Besitz wie (fast) alle beschriebenen Schlösser. Da und dort ist eine Gemeinde Eigentümerin, im Falle von Schloss Ochsenburg die Sankt Pöltener Diözese der katholischen Kirche. Der verstorbene streitbare Bischof Kurt Krenn war hier der letzte Sommergast, seitdem steht der wertvolle Besitz leer. Mit den schwindenden Kirchenbeitragsgeldern wird das stolze Renaissance-Juwel wohl kaum zu erhalten sein.

 

Schwere Besatzungsschäden

Da ist Schloss Seibersdorf, ein Renaissanceschloss in barockem Kleid, seit Jahrhunderten das Herz der Marktgemeinde. Was der neue Besitzer damit vorhat, bleibt unbekannt. Historische Böden wurden demoliert, das Schloss wird sich wohl der neuen besseren Zeit fügen müssen. Denn all die Pracht muss irgendwie finanziert werden. Beppo Harrach, Besitzer von Schloss Prugg an der Leitha, hat sein „Sorgenkind“ zumindest so weit gesichert, dass es nicht verfällt. Die weitläufige Gartenlandschaft wurde im Rahmen eines EU-Projekts revitalisiert. In der Feste Ebenfurth macht die Wiedergeburt große Fortschritte. Die kunstsinnigen Besitzer mussten im Jahr 1979 verkaufen, mit viel Liebe wollen nun Künstler hier ihren Lebensmittelpunkt einrichten.

Loosdorf: Das dortige Schloss hat als „Haus der tausend Scherben“ traurige Berühmtheit erlangt. Die Sowjets zerstörten mutwillig kostbarstes Porzellan der Adelsfamilie Piatti, seit 2015 arbeiten japanische Experten an der Restaurierung.

 

Rasche Rettung vonnöten

In den Adelssitzen rund um Wien wurde Geschichte geschrieben. Schloss Laxenburg war Maria Theresias „Frühlingsresidenz“, im Schloss Stetteldorf tagte während der Zweiten Osmanischen Belagerung der Kriegsrat mit dem Polen-König Johann Sobieski und Karl von Lothringen. Schloss Guntersdorf diente in den Napoleonischen Kriegen Erzherzog Carl, dem Triumphator von Aspern, als Hauptquartier. Das Zentrum der „Internationalen Friedensliga“ befand sich achtzig Jahre später in Schloss Harmannsdorf. Hier schrieb die Friedensnobelpreisträgerin Bertha Suttner ihren Roman „Die Waffen nieder!“

Sachslehner schreibt: „Wir haben Schlösser gesehen, deren Verfall so fortgeschritten ist, dass ein Betreten nur unter höchster Vorsicht möglich ist. Es gilt daher, Wege zur Rettung der Gebäude zu finden, und zwar rasch, ansonsten sind diese einzigartigen Monumente einer vergangenen Zeit für immer verloren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2019)

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