Bachmannpreis: Das Prekariat gewinnt in Klagenfurt

Triumph der Österreicher beim Wettlesen in Klagenfurt: Drei von fünf Bachmannpreisen gehen an heimische Autoren. Birgit Birnbacher ließ die triste Absurdität der „neuen Selbstständigkeit“ spüren – und gewann den Hauptpreis.

Birgit Birnbacher bei der Preisverleihung. Über ihr Ronya Othmann (Publikumspreis), rechts Yannic Han Biao Federer, der den 3Sat-Preis erhielt.
Birgit Birnbacher bei der Preisverleihung. Über ihr Ronya Othmann (Publikumspreis), rechts Yannic Han Biao Federer, der den 3Sat-Preis erhielt.
Birgit Birnbacher bei der Preisverleihung. Über ihr Ronya Othmann (Publikumspreis), rechts Yannic Han Biao Federer, der den 3Sat-Preis erhielt. – (c) APA/GERT EGGENBERGER

Drei Österreicher, zwei Deutsche, drei Frauen, zwei Männer – das ist die Siegerbilanz der 43. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, vulgo Bachmannpreis. Die drei Schweizer Teilnehmer, Silvia Tschui, Andrea Gerster und Tom Kummer, hatten bereits in den Jurydiskussionen sehr mäßig abgeschnitten; dass sie leer ausgehen würden, kam bei der Bekanntgabe der Preisträger am Sonntag also nicht überraschend. Etwas weniger erwartbar die fünf Sieger, denn etliche mögliche Anwärter gab es in diesem „guten Jahrgang“, wie Juryvorsitzender Hubert Winkels es formulierte. Aus Österreich ausgezeichnet wurden die Salzburgerin Birgit Birnbacher, die heute in Deutschland lebende Kärntnerin Julia Jost und der aus Oberösterreich stammende Leander Fischer. Einen weiteren Jurypreis erhielt der Deutsche Yannic Han Biao Federer, seine Landsfrau Ronya Othmann den Publikumspreis.

 

Hauptpreis: Ionesco im Stiegenhaus

Die 33-jährige Birgit Birnbacher gewann den Hauptpreis mit einem Text über heutige prekäre Arbeitsverhältnisse – mit denen sie auch selbst Erfahrung gemacht hat, wie ihre Biografie zeigt. In den harmlos daherkommenden Realismus mischen sich Ionesco-haft absurde Prisen. Die Ich-Erzählerin ist eine 36-Jährige, die sich mit Minijobs über Wasser hält und sich nie merken kann, ob ihr Status nun „neue“ oder „freie“ Selbstständige heißt. Bei sich zu Hause wird sie von einem Herrn für eine Langzeitstudie über „neue Arbeitswelten“ befragt. „Muss eben alles immer mini sein, sage ich, damit in der Mitte ein Platz bleibt. Wofür denn, fragt er. Falls auf einmal was kommt, sage ich, die Geschichte. Welche Geschichte denn, fragt er.“ Und mittendrin in dieser Erzählung bzw. im Stiegenhaus steht die ganze Zeit ein schwerer, großer, unverwüstlicher Biedermeierkasten. Niemand weiß, wie er hergekommen ist, er ist irgendwie einfach im Weg. Schilderungen dessen, wie die einzelnen Bewohner mit diesem fremden Ding umzugehen beginnen, verbindet Birnbacher ohne aufdringliche Symbolik mit Beobachtungen über das Leben und das Lebensgefühl Junger im Prekariat. Ihre Heldin weiß sehr wohl, „wer einmal liegt, steht nicht so leicht wieder auf“. Und träumt am Ende vielleicht davon, im Dunkel des unverwüstlichen alten Schranks zu verschwinden – zumal sich schließlich auch noch dessen Herkunft klärt.

Eine Ehrung für den gebürtigen Oberösterreicher Leander Fischer war nach den Lobeshymnen der Jury für hohe Kunstfertigkeit so gut wie reserviert – es wurde der Deutschlandfunkpreis. In Fischers „Nymphenverzeichnis Muster Nummer eins Goldkopf“ entspricht die Rhythmik und Melodie des Textes dem wachsenden Wahnsinn eines frustrierten Musiklehrers, der seine Schüler immer mehr in seine manische Leidenschaft hineinzieht: das Fliegenfischen. Dieser Text „knüpft selbst eine Goldkopfnymphe“, so Jurorin Insa Wilke.

Zum Teil überwältigt war die Jury von der Kunst der Deutschen Katharina Schultens gewesen – zum Teil auch ratlos. Ging Schultens letztendlich nur deshalb leer aus, weil die Jury angesichts ihres anspruchsvollen, so lyrischen Textes an die Grenzen rationaler Jurybeurteilung stieß, die eigene Inkompetenz fürchtete? Vielleicht war „Urmünder“ auch im positiven Sinn zu außergewöhnlich für Klagenfurt.

 

Publikumspreis für Völkermord-Text

Noch ein weiterer Text hatte heuer die Jury die Grenzen der Literaturkritik spüren lassen, auch er blieb ohne Jurypreis, doch das Publikum entschied sich per Online-Voting für ihn: Die 1993 geborene, in Leipzig lebende Ronya Othmann erzählte in „Vierundsiebzig“ von der Reise einer Erzählerin in den Irak und dem Völkermord des IS an den Jesiden. Ihr Versuch, „Unsagbares“ auszudrücken, und ihr Vorführen des Scheiterns daran beeindruckten mehrere Juroren. Doch einige fühlten sich hier gar nicht zuständig: Das sei eine Reportage, kein literarischer Text. Das Publikum jedenfalls kümmerte sich nicht um Genregrenzen, es ließ sich einfach – und sicher auch des starken Themas wegen – berühren.

Traditionell ein ebenfalls starkes Thema in Klagenfurt und in der österreichischen Literatur sind die braunen Flecken der österreichischen, speziell der Kärntner Gesellschaft. Ob die gebürtige, heute in Hamburg lebende Kärntnerin Julia Jost in ihrem Text „Unweit vom Schakaltal“ in dieser Hinsicht eine Variation des Immergleichen lieferte oder doch einen neuen („rotzigen“, spaßigen) Ton, darüber war sich die Jury zwar nicht einig gewesen; doch die Freude am erzählerisch Virtuosen überwog, Jost gewann den Kelag-Preis. Schreckliche Kindheitserlebnisse aus den 80er-Jahren hält sie in ihrem Text durch sarkastische Außenperspektive und viel Situationskomik auf Distanz.

Der Deutsche Yannic Han Biao Federer schließlich erhielt den 3sat-Preis für seine Trennungsgeschichte „Kenn ich nicht“ – auch wenn sich an gewissen Elementen die Jurygeister geschieden hatten; am Schlusssatz etwa: „Am Hafen scheißt mir eine Möwe in die rechte Sandale, es stinkt und klebt.“

Die fünf Preisträger

Hauptpreis: Birgit Birnbacher (geb. 1985 in Salzburg), „Der Schrank“.

Deutschlandfunkpreis: Leander Fischer (geb. 1992 in Vöcklabruck), „Nymphenverzeichnis Muster Nummer eins Goldkopf“.

Kelag-Preis: Julia Jost (geb. 1982 in St. Veit an der Glan), „Unweit vom Schakaltal“.

3sat-Preis: Yannic Han Biao Federer (geb. 1986 in Breisach am Rhein), „Kenn ich nicht“.

BKS-Bank-Preis (Publikumspreis): Ronya Othmann (geb. 1993), „Vierundsiebzig“.

Videos on demand auf bachmannpreis.orf.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2019)

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