Weil nichts bleibt, wie es war

Der Schriftsteller und Schauspieler Franz Winter segelt mit seinem Roman „Die Verblendeten“ im Windschatten von Hofmannsthals „Der Schwierige“. Nostalgie mit Ecken und Kanten.

Der Jäger der verlorenen Zeit: Franz Winter fühlt sich in die vielen Facetten der Wiener Oberschicht ein.
Der Jäger der verlorenen Zeit: Franz Winter fühlt sich in die vielen Facetten der Wiener Oberschicht ein.
Der Jäger der verlorenen Zeit: Franz Winter fühlt sich in die vielen Facetten der Wiener Oberschicht ein. – Archiv Franz Winter

Vertreter der reinen Rezensionslehre sind strikt dagegen, die Entstehungsgeschichte eines Buches in dessen Besprechung einfließen zu lassen. Manchmal aber ist das Drumherum einfach zu interessant, um es nicht zu erzählen. Das gilt auch für „Die Verblendeten“, den gerade erschienen Roman des Schauspielers und Schriftstellers Franz Winter.

Winter spielte in den 1970er-Jahren im Burgtheater den Stani in Hugo von Hofmannsthals „Der Schwierige“. Neugierig geworden, versuchte er mehr über Hofmannsthals Protagonisten, die Familien Bühl, Altenwyl und Hechingen, herauszufinden. Nachdem niemand ihm Genaueres sagen konnte, beschloss er, diese Geschichten selbst zu schreiben. Das Ergebnis war „Die Schwierigen“ (2017), eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit, aus Roman und Recherche, die das verantwortungslose Trudeln der herrschenden Klasse in Richtung des Ersten Weltkriegs nachzeichnete.

Das Nachfolgebuch „Die Verblendeten“ nimmt wieder Hofmannsthals „Schwierigen“, der an einem einzigen Tag nach Kriegsende spielt, als Referenzpunkt. Es ist 1919, später Abend, als Hans Karl Bühl in Frack, Lackpumps und Zylinder in eine Auseinandersetzung zwischen Sozialisten und Heimwehr gerät. Vor lauter Angst versteckt sich der seit seinen Kriegsverletzungen traumatisierte Mann in einem Brunnen. Am nächsten Tag wird er um die Hand von Helene Altenwyl anhalten – und damit Hofmannsthals Stück zu dem intendierten Abschluss bringen.


Für Gott, Kaiser und die eigene Börse. Für Franz Winter aber ist dies erst der Anfang. Er erzählt die Geschichte einer verunsicherten Elite, die mit dem Adelsaufhebungsgesetz von 1919 mehr als nur ihre Titel verloren hat. Während die einen, wie die Familien Bühl und Altenwyl, versuchen, die alte und die neue Zeit auf ehrenwerte Art zu vereinen, sinnen andere – wie Hans Karls Neffe Stani – darauf, die ihrer Meinung nach von Gott und dem Kaiser gegebenen und von Sozialisten und Juden genommenen Rechte zurückzuerlangen. Dafür arrangieren sie sich auch mit den Nationalsozialisten – in der fehlgeleiteten Meinung, die Ereignisse kontrollieren zu können. Betroffen macht, wie glimpflich etwa der Nazi-Vertraute Stani aus der Geschichte hervorgeht. Mit großem Trara feiert er 1952 den Geburtstag seiner Mutter Crescence in der arisierten Villa in Reichenau. Wie schon 1942 – und als hätte es die zehn Jahre dazwischen nicht gegeben. Doch auch das war (und ist) Österreich.

„Die Verblendeten“ ist ein Roman, in den man sich erst einlesen muss. Das ist der Sprache geschuldet, die sich ebenfalls an Hofmannsthal anlehnt (sie eignet sich im übrigen besonders dazu, vorgetragen zu werden, ein Hörbuch ist in Vorbereitung). In schönstem Schönbrunner Deutsch näselt es aus den Seiten heraus, ist „der Herr Hitler schon ein bissl dégoût“ und könnt' einem doch „contre cœur gehen“. Als Leser müht man sich anfangs, Protagonisten für voll zu nehmen, an deren Palais die gesellschaftlichen und politischen Realitäten unverstanden vorbeiziehen.


Die Stärke der Frauen. Es sind vor allem die Frauen, die einen mit diesem Stand aussöhnen: Helene Bühl, die von den jüdischen Wurzeln ihrer Mutterseite eingeholt wird und in wenigen Tagen die Flucht nach London organisiert; oder ihre 18-jährige Tochter Leoni, die beschließt zu bleiben und sich um den Familienbesitz und die Bediensteten zu kümmern. Ihre Klarsicht rettet nicht nur viele Leben, sondern auch den Ruf einer ganzen Klasse.

Neu Erschienen

Franz Winter
Die Verblendeten

Braumüller Verlag
384 Seiten
24 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2019)

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