„Zwei Brüder“: Zwischen Uber und Utopie

Der eine fährt lustlos Auto, der andere zieht in den Jihad: Mahir Guven hat einen Roman über zwei Brüder aus der Banlieue geschrieben, der völlig zu Recht gefeiert wird.

Mahir Guven erzählt ebenso derb wie poetisch und raffiniert konstruiert aus dem Leben zweier Brüder.
Mahir Guven erzählt ebenso derb wie poetisch und raffiniert konstruiert aus dem Leben zweier Brüder.
Mahir Guven erzählt ebenso derb wie poetisch und raffiniert konstruiert aus dem Leben zweier Brüder. – (c) Getty Images (Julien Hekimian)

Da gibt es die Guten. Die, die einen Job haben, sich integrieren, sich Mühe geben. Und die anderen, die keine Lust haben, die sich für die Freiheit, die man ihnen bietet, bedanken, indem sie auf sie pfeifen. Die, von denen man nur mit Kopfschütteln liest, wenn wieder einmal in Europa etwas in die Luft geflogen ist, oder zumindest beinahe.

Bei Mahir Guven ist es der große Bruder, der früh auf der schiefen Bahn landet, Drogen transportiert, nichts mit seinem Leben anzufangen weiß. Der kleine Bruder arbeitet im Krankenhaus, als Pfleger. Er stellt sich klug an. Naem, der indonesische Chirurg, ein „Ingenieur des Fleisches“, ermutigt ihn, weiter zu lernen, vielleicht selbst Medizin zu studieren.

Der Vater, der „Daron“, ist Taxifahrer. „Jeden Morgen schleppt er seinen Arsch ins Taxi, hoch nach Guantánamo oder runter in die Mine“, erzählt der große Bruder (gemeint sind Roissy und Paris). Der Daron hat Syrien schon vor vielen Jahren hinter sich gelassen, schuftet in Frankreich, damit es seine Söhne besser haben. Diese haben früh ihre Mutter verloren, eine Leerstelle, bei beiden. Der Große, der das kleinkriminelle Milieu hinter sich zu lassen versucht, fährt inzwischen Uber, zum Leidwesen des Vaters mit seiner teuer erkauften Taxilizenz. Und der Kleine – der ist eines Tages weg. Aufgebrochen nach Syrien, nach „al-Scham“.


Schreiben durch Zuhören. „Zwei Brüder“ ist Mahir Guvens Debütroman und hat in Frankreich großes Aufsehen erregt. Zunächst gewann er einen Preis in Belgien, dann einen in Frankreich, danach den Prix Goncourt du Premier Roman, den wichtigsten Preis für Nachwuchsautoren. Danach, sagt Guven selbst, gab es jeden Monat einen anderen Preis. Dabei ist er ein literarischer Quereinsteiger. Als Sohn türkisch-kurdischer Eltern ist er in Nantes geboren, hat Jus und Wirtschaft studiert, um aufzusteigen, hat in einem „schönen Anzug“ in der glatten Bürostadt La Défense gearbeitet.

Die Techniken, die er fürs Schreiben braucht, habe er durchs Zuhören gelernt, sagt Guven. Er lässt seine beiden Brüder abwechselnd in inneren Monologen erzählen, die schnell einen spannend konstruierten Sog entwickeln. „Ich habe zwei Ichs“, erzählt der kleine Bruder. „Ein Ich hat im Krankenhaus geklotzt, ganz ernst, keinen Mucks, aber immer mit den gleichen Gedanken. Und das andere wollte die Erde retten. Weil die Welt mich zu Hilfe rief. Nachts hörte ich die Schreie der palästinensischen, malischen, sudanesischen, somalischen und syrischen Kinder, und die Schreie aller anderen.“

In Syrien wird der kleine Bruder selbst bald Menschen operieren. Irgendwann absolviert er auch das Waffentraining, das ihm die Islamisten nahelegen. So verschwimmen die Grenzen immer mehr – und eines Tages steht er wieder vor der Tür und stellt seinen großen Bruder vor ein moralisches Dilemma.

„Unter den 2000 Franzosen, die nach Syrien gegangen sind, wollten 300 oder 400 kämpfen, die anderen wollten eine Utopie leben“, sagt Guven. „Solche Kinder hätten sich früher Che Guevara angeschlossen oder der RAF, in ihrem Elan, die Welt zu retten und die Dinge zu ändern.“ Auch er träumte mit 20 davon, Länder zu befreien.

Guven schreibt dabei in der Sprache einer Jugend, die er auch selbst spricht. Ein Französisch der Außenseiter, das André Hansen für Österreicher mitunter etwas zu Bundesdeutsch („Bullerei“), ansonsten aber sehr gekonnt übersetzt. So taucht man ein in eine fremde Welt junger Männer, in der die Dinge weniger klar und manchmal doch verständlicher sind, als die Schlagzeilen oft suggerieren.

Neu Erschienen

Mahir Guven
„Zwei Brüder“


Übersetzt von André Hansen
Aufbau Verlag
282 Seiten, 20,60 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2019)

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