Eine Frau in der Haut eines Homosexuellen

Sie bereitete Gender-Diskussionen vor, wurde als Porträtistin extremer Liebe, als Canetti-Geliebte und als Alzheimerkranke berühmt: Die Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdoch wäre heute 100 Jahre alt.

 Iris Murdoch 1977, im Jahr ihrer beginnenden Alzheimer-Erkrankung.
 Iris Murdoch 1977, im Jahr ihrer beginnenden Alzheimer-Erkrankung.
Iris Murdoch 1977, im Jahr ihrer beginnenden Alzheimer-Erkrankung. – (c) imago images / Leemage (imago stock&people)

Es gibt nicht viele Persönlichkeiten, die als Moralphilosophen und bemerkenswerte Schriftsteller Karriere machen. Die anglo-irische Autorin Iris Murdoch war beides. In ihrem bis heute lesenswertesten Roman „Das Meer, das Meer“, der 1978 den Booker Prize erhielt, sagt die männliche Hauptfigur den auch für Murdoch typischen Satz: „Natürlich ist Lesen und Denken wichtig, aber, mein Gott, Essen ist es auch.“ Mag Iris Murdoch auch einiges zu viel geschrieben haben, ihre besten Bücher pulsieren vor Lebendigkeit. Fast immer geht es, mit großem Interesse am Innenleben der Figuren, um extreme Formen von Liebe und Begehren, oft um einen innerseelischen Kampf: zwischen dem Streben nach Macht und Kontrolle in einer Beziehung und dem Versuch, eine davon befreite, klare Sicht auf den anderen zu gewinnen. Hier begegnen sich die Philosophin und die Schriftstellerin. „Liebe ist die äußerst schwierige Erkenntnis, dass etwas anderes als man selbst wirklich ist“, heißt es einmal. „Liebe ist die Entdeckung der Wirklichkeit.“

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2019)

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