Camilleris Herz schlug für Sizilien

Nachruf. Mit 93 Jahren ist der italienische Autor und Regisseur Andrea Camilleri gestorben. Die Krimis mit seinem Commissario Montalbano als Protagonisten brachten ihm Weltruhm.

imago images / El Mundo

Der internationale Durchbruch kam spät im Leben des äußerst produktiven italienischen Regisseurs und Schriftstellers Andrea Camilleri: Er war bereits im Rentenalter, als 1994 „La forma dell'acqua“ erschien, sein erster Krimi mit Commissario Montalbano als Hauptfigur. (Fünf Jahre später kam die deutsche Übersetzung heraus.) Seither gab es faktisch kein Jahr ohne ein neues Buch mit diesem Epikureer, den Camilleri aus Verehrung für den spanischen Kollegen Manuel Vázquez Montalbán nach diesem nannte. 27 Montalbano-Romane sind es geworden, zudem einige Sammlungen mit Kurzgeschichten. Der Kommissar ist auch seit 20 Jahren als Serienheld im TV ein Garant für höchste Quoten.

Die fiktive sizilianische Stadt Vigàta, wo Montalbano wirkt, ist längst ein Fixpunkt in der literarischen Landschaft, eine Pflicht für Touristen mit Hang zu fiktiven Schauplätzen. Sie erinnert stark an Camilleris Geburtsort Porto Empedocle. Am besten lässt man sich bei diesen Sizilien-Fahrten auch einige der vielen Gerichte vorsetzen, die Montalbano stets mit Genuss verspeist und die auch im Glossar der Romane angegeben sind. Der Kommissar hat so wie Camilleri am 6. September Geburtstag, ist aber um 25 Jahre jünger. In „Die Form des Wassers“, dem Auftakt der Serie, wäre er Mitte vierzig. Inzwischen müsste er also auch schon in Pension sein.

Schwarze Flaggen für Vigàta

Nun wird die Traumstadt Vigàta schwarz beflaggt: Am Mittwoch ist Andrea Camilleri mit 93 Jahren in Rom gestorben. Die Tageszeitung „Repubblica“ trauert um einen Meister der Ironie und Sensibilität, der „Corriere della Sera“ um den genialen Erfinder des Kommissars Montalbano. Und schon gerät man in die Falle, identifiziert den Autor mit seinem größten Helden, einem leicht skurrilen Mann, der gutes Essen schätzt und die Frauen liebt, der ein Herz für kleine Sünder hat und sich für die armen Leute einsetzt, der aber auch leicht reizbar ist. Gilt das alles nicht auch für Camilleri, der zudem auch ein passionierter Raucher war? Als junger Mann wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens. Die Kritik am „System“ hat der „nicht militante Atheist“ beibehalten. Er legte sich zuletzt gern mit dem rechten Innenminister Salvini an und kritisierte dessen restriktive Politik, bezog in sozialpolitischen Fragen stets klar Stellung. Diese durchziehen auch manche seiner Romane. In „Il giro di boa“ („Das kalte Lächeln des Meeres“) etwa wird bereits 2002 Migration und Menschenhandel thematisiert. Auch Montalbano attackiert gelegentlich den Populismus eines ungenannten Ministerpräsidenten. Wer denkt da nicht an Berlusconi? Seine Wiederkehr in die Politik findet Camilleri schrecklich. „Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ich noch einmal von ihm hören würde“, sagte er 2018 der „Süddeutschen Zeitung“, in jedem anderen Land wäre solch ein Mann längst erledigt.

Mehr als 100 Bücher

Camilleri, diesen tätigen Geist, der selbst noch schrieb, als er fast völlig erblindet war, sollte man nicht auf seine Krimis mit ihrem typischen Lokalkolorit und der besonderen Berücksichtigung des sizilianischen Dialekts beschränken. Er hat sich auch mit historischen Romanen einen Namen gemacht, hat sie ebenfalls im Dutzend geschrieben. Mehr als 100 Bücher wurden es insgesamt. Sein erster Roman, „Il corso delle cose“, erschien ebenfalls relativ spät, 1978 (auf Deutsch: „Hahn im Korb“, 2002). Bereits als Teenager schrieb er Gedichte, Erzählungen, Drehbücher, studierte Literatur, dann Filmregie, arbeitete als Regisseur für Theater- und Rundfunk, lehrte später das Fach, machte sich als einer der ersten in Italien ums absurde Theater verdient. Sein Favorit: Luigi Pirandello, den die Eltern kannten. In „Biografia del figlio cambiato“ (auf Deutsch: „Der vertauschte Sohn“, 2001) beschäftigt er sich ausführlich mit ihm. Am Ende schreibt Camilleri über das Lächeln dieses Dichters kurz vor dessen Tod: „ . . . es ist ein von der Glückseligkeit besänftigtes Lächeln, das Lächeln dessen, der, da die Stunde der Abschlussbilanz gekommen ist, weiß, ausgeglichene Konten vorweisen zu können.“


[PMRCY]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2019)

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