Yuval Harari zensuriert seine eigenen Bücher

Für eine russische Version strich der Bestsellerautor Kritik am Kreml. Das mache er oft so, erklärt er nun.

Yuval Noah Harari.
Yuval Noah Harari.
Yuval Noah Harari. – (c) APA/HANS KLAUS TECHT

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari ist ein Star. Millionen Leser berufen sich auf seine populärwissenschaftlichen Weltdeutungen und moralischen Ermahnungen, in Büchern wie „Homo Deus“ oder „Eine kurze Geschichte der Menschheit“. Nun aber zeigt sich: Der gefeierte Autor hilft seinem weltweiten Erfolg in einer Weise nach, die nicht so recht zu seiner Selbstdarstellung als Herold der Demokratie und Meinungsfreiheit passen will. Um sein jüngstes Buch, „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“, auf dem russischen Markt verkaufen zu können, erlaubte Harari eine adaptierte Übersetzung, in der jede Kritik an Putins Regime entweder entfernt oder weichgespült wurde. Im Kapitel über Fake News geht es nicht mehr um die Propaganda rund um die Krim-Besetzung, sondern um Lügen von US-Präsident Trump. Eine scharfe Abrechnung mit der Aggressionspolitik des Kreml verwandelt sich in eine fast wohlwollende Betrachtung des „Anschlusses“ der Krim und der „Teilnahme“ an Konflikten in der Ostukraine, durch die Russland „wichtige strategische Aktiva erwarb und sein internationales Prestige vergrößerte“.

 

Andere Beispiele für dieselbe Idee

Aufgedeckt hat die Abweichungen eine russische Onlinezeitung. Vor allem in Hararis Heimat, Israel, hat der Bericht einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Die Rechtfertigung des Autors macht die Sache aus der Sicht vieler nur noch schlimmer: In einer Aussendung und einem Interview mit „Haaretz“ gesteht der Professor an der Universität Jerusalem nicht nur ein, dass er zumindest einige der Änderungen erlaubt oder „initiiert“ hat. Er verteidigt die Selbstzensur auch als bewährte Methode: Schon oft habe er seine Bücher an „kulturelle, religiöse und politische Verhältnisse“ in verschiedenen Ländern angepasst. Damit wolle er eine möglichst große Leserschaft von seinen Ideen überzeugen. An diesen nämlich habe er nie gerüttelt, nur die Beispiele zu „sensiblen Themen“ tausche er aus. Wenn Zensoren von sich aus noch mehr ändern, sei das nicht in seinem Sinne. Dass sich die meisten Mitstreiter auf solche Kompromisse nicht einlassen und auf Publikation in autoritären Staaten verzichten, hält Harari für den falschen Weg. Er will keinem potenziellen Leser seine Gedanken vorenthalten. Auch wenn sie verfälscht sind. (gau)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2019)

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