"Gemma Habibi": Auf der Suche nach dem Kick

Robert Prosser zeichnet in „Gemma Habibi“ das Porträt einer Generation ohne Kompass – quer durch alle Schichten und Nationalitäten. Und glänzt mit einer einfühlsamen Ode an das Boxen.

Aufstehen oder liegen blieben: Bei Robert Prosser ist Boxen eine Schule des Lebens.
Aufstehen oder liegen blieben: Bei Robert Prosser ist Boxen eine Schule des Lebens.
Aufstehen oder liegen blieben: Bei Robert Prosser ist Boxen eine Schule des Lebens. – Gerald von Foris

Die einen sind gezwungenermaßen unterwegs, auf der Flucht vor Bürgerkrieg und Hunger, in der Hoffnung auf ein besseres Leben; die anderen machen sich freiwillig – oder zumindest ohne Not – auf, Wohlstandsflüchtende auf der Suche nach dem Sinn, nach dem Kick, dem ultimativen. Erstere werden durch Zain, genannt Z, repräsentiert, Opfer der syrischen Tragödie, in Wien gestrandet. Zu Letzteren zählt der aus der oberösterreichischen Provinz nach Wien migrierte Lorenz, der sein Deutsch-Lehramtsstudium bald gegen die aufregendere Option der Sozialanthropologie eintauscht. Der Berührungspunkt der beiden wird der Boxring, die kleine quadratische Welt, in der für alle dieselben Regeln gelten und alle dieselbe Sprache sprechen. Nur wer am Ende der Sieger ist, bleibt mitunter unklarer als man denkt.

Robert Prosser (Jahrgang 1983) symbolisiert das Zueinanderfinden seiner unterschiedlichen Protagonisten bereits im Titel: „Gemma Habibi“, Wienerisch trifft Arabisch, Faust trifft Auge, Brutalität trifft Zärtlichkeit. Der österreichische Schriftsteller, der bereits 2017 mit „Phantome“ für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, zeichnet in seinem neuen Roman das Porträt einer Generation ohne Kompass, die erstaunlich mühelos über nationale und soziale Unterschiede zueinanderfindet. Lorenz lernt 2011 auf der Suche nach dem Abenteuer in Syrien zwei Menschen kennen, die sein Leben prägen werden: die Fotografin Elena, der er verfällt, die allerdings immer auf der Jagd nach einem Opfer ist, vor wie hinter der Kamera; und Z, der sein Interesse am Boxsport weckt.


Der beobachtende Teilnehmer. Wieder zurück in Wien wählt Lorenz den Mikrokosmos Boxstudio für eine Seminararbeit. Der Beobachter lässt die Strukturen des Klubs, die Hierarchien des Trainings allerdings bald hinter sich, wird zum Teilnehmer, das Studienobjekt zum Lebensinhalt. Lorenz der Boxer ist recht talentiert, trainiert bis zum Umfallen, alles schmerzt, endlich spürt er sich, schafft es sogar bis zu den Staatsmeisterschaften.

Und auch Robert Prosser findet hier seine Domäne. Denn „Gemma Habibi“ ist beileibe kein Roman ohne Schwächen. So zwängt der Autor ein bisschen zu viele, offenbar autobiografisch inspirierte Elemente in das Buch, deren Zusammenhang sich nicht unbedingt erschließt: wie etwa die etwas langatmig geratene Reise nach Ghana und die detailliert geschilderte Voodoo-Zeremonie, die aber letzten Endes ohne Konsequenzen für die weitere Handlung bleibt.


Geniale Milieuschilderung. Grenzgenial wird „Gemma Habibi“ hingegen, wenn es um das Boxen geht. Und wenn das jemand findet, die bei der ersten Andeutung von Blut, Schweiß und Fäusten den Fernsehsender wechselt, heißt das etwas. Wer Prosser über Boxen liest, kann nachvollziehen, was diese Welt für viele Menschen so faszinierend macht. Er gibt dem Stoff jene Textur, aus dem die zahlreichen Helden dieses Genres gewebt sind: die Brutalität, die Selbstaufgabe, die Eleganz, die Kameradschaft; die existenzialistische Dimension einer Sportart, in der im Idealfall am Ende einer besiegt auf dem Boden liegt und einer triumphierend über ihm steht; die Bereitschaft von Kämpfern, einander zum Gaudium des Publikums grün, blau und blutig zu schlagen.

Warum sie das tun, hat viele Gründe: Z, der Schausteller, weil für ihn nichts besser ist, als der Moment, wenn er durch den Gang auf die Halle zugeht, auf das Schreien und Stampfen des Publikums; Lorenz, weil er es wissen will, Mann gegen Mann, ein Schachspiel, in dem nicht nur der Klügere, sondern vor allem der Stärkere am Schluss den Arm in der Höhe hat. In erster Linie aber kämpft Lorenz immer nur gegen einen Gegner, sich selbst: „In dieser ersten Runde traf mich eine Gerade, wie ich sie gerne abgefeuert hätte, ich liebe solche Schläge, die für Sekunden bis ins Innerste erschüttern.“ Womit Boxen auf seine Essenz reduziert wäre, als Schule des Lebens, die schon Rocky Balboa erfolgreich absolvierte: „Es zählt bloß, wie viele Schläge man einstecken kann und ob man trotzdem weitermacht.“

Neu Erschienen

Robert Prosser
„Gemma Habibi“

Ullstein fünf

224 Seiten
22,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2019)

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