Es sind nur Gefühle

Anatomie einer Trennung: die „Geschichte einer Ehe“ des Norwegers Geir Gulliksen als Geschichte eines Auseinandergehens, eines Abschieds.

Geir Gulliksen: „Geschichte einer Ehe“
Geir Gulliksen: „Geschichte einer Ehe“
Geir Gulliksen: „Geschichte einer Ehe“ – Luchterhand Verlag

Der erste Schritt scheint leicht: das Fremdgehen. Dann wird es schwieriger. Und der endgültige Abschied, das Lösen? Umso schlimmer. „Unsere Ehe gleicht keiner anderen“: So lautet der Standardsatz eines Ehepaars. Was tun, wenn man das Gefühl hat, die langjährige Beziehung löst sich auf? Was tun, wenn der Partner plötzlich lieber mit einem anderen Menschen seine Zeit verbringt?

Geir Gulliksen schildert die „Geschichte einer Ehe“ aus Sicht des Mannes, er wirkt passiv, der Ton ist nüchtern. Mann und Frau bleiben namenlos, was Distanz erzeugt, dennoch entzieht man sich dem Erzählten nicht.

Er ist Hausmann, sie arbeitet Vollzeit. Und dann trifft sie ihn in ihrem Arbeitsumfeld und lernt ihn besser kennen: den Nachbarn. Sie beginnen, privat miteinander zu sporteln, ganz langsam bahnen sie sich ihren Weg zueinander.

Die Fragen nach dem Warum und Wann werden vom Ehemann immer wieder gestellt, Antworten finden sich da wie dort nicht. Am Ende meint er, der Noch-nicht-ganz-Verlassene, als sie eines Nachts spät heimkommt: „Sie erinnert sich selbst daran, dass es vorübergehen wird. Es sind nur Gefühle. Durchaus starke Gefühle zwar. Und dennoch werden sie früher oder später vorübergehen.“

Entscheidet sie sich für den Nachbarn, wird sie eines Tages vielleicht wieder vor der Frage stehen: Bleiben oder gehen? Es tut weh beim Zuschauen der Loslösung, beim Lesen des Abschieds.

Geir Gulliksen: „Geschichte einer Ehe“, übersetzt von Ursel Allenstein, Luchterhand Verlag, 224 Seiten, 22,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2019)

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