Unglück mit Understatement

Sally Rooneys „Gespräche mit Freunden“ kreist um eine Dreiecksgeschichte und um viel mehr: Karriere, Politik, Klasse, Sexualität. Eine Empfehlung.

Über Glück und Unglück in Beziehungen schreibt Sally Rooney in „Gespräche mit Freunden“.
Über Glück und Unglück in Beziehungen schreibt Sally Rooney in „Gespräche mit Freunden“.
Über Glück und Unglück in Beziehungen schreibt Sally Rooney in „Gespräche mit Freunden“. – Ruby Wallis/„The New Yorker“/Conde Nast

„Gespräche mit Freunden“ – dieser Titel klingt nicht aufregend, nicht nach einem Pageturner, und doch nimmt Sally Rooneys Roman von der ersten Seite an gefangen. Die irische Autorin erzählt vom Heute, von der Beziehungskultur einer jungen Generation. „Gespräche mit Freunden“ handelt von Freundschaften, von Arrangements und von einer komplizierten Affäre, aus der sich eine Liebe entwickelt.

Man kann Rooneys Buch, das 2017 im Original erschienen ist und nun vom Luchterhand-Verlag auf Deutsch veröffentlicht wurde, schwer aus der Hand legen. Woran das liegt? Vielleicht daran: Rooney hat – trotz des dazu einladenden Themas – kein plumpes Buch über ihre Generation geschrieben.

Der Roman ist deshalb so einnehmend, weil er eine Geschichte erzählt, die in der Gegenwart spielt, aber diese nicht zu erklären versucht. Die Autorin, 1991 in Irland geboren, kommentiert nicht. Es wird viel geredet, aber wenig gesagt. Vieles bleibt angedeutet, vage. Ihr Buch ist radikal persönlich und authentisch. Es ist, als wäre die Autorin die Protagonistin. Oder ihr zumindest sehr, sehr nah.

„Gespräche mit Freunden“ kann man sich als dicht gewebten Beziehungsteppich vorstellen, mit ausgefransten Fäden und kleinen Löchern, die aufzureißen drohen. Doch dazu kommtes nicht. Die Beteiligten sind stets bemüht, den Stoff zu glätten, die Löcher zu flicken, das Gewebe ganz zu halten.


Geschichten der Gegenwart. Die Handlung ist schnell erzählt. Frances und Bobbi sind ihren frühen Zwanzigern. Bobbi lebt offen lesbisch; Frances nennt sich eine Kommunistin und – selbstironisch – sexuelle „Allesfresserin“. Die Freundinnen, die auch Exfreundinnen sind, treten als Duo bei Poetry-Slam-Wettbewerben auf und kokettieren mit dem Lebensstil einer unterbezahlten Bohème. „Auch wenn ich wusste, dass ich irgendwann eine Vollzeitstelle antreten musste, fantasierte ich garantiert nie von einer strahlenden Zukunft, in der ich dafür bezahlt wurde, eine wirtschaftlich relevante Rolle einzunehmen“, sagt Frances, die studiert, nebenbei jobbt und sich keine Illusionen über eine Karriere macht. „Manchmal kam es mir so vor, als würde ich es nicht schaffen, mich für mein eigenes Leben zu interessieren, und das deprimierte mich.“

Nach einem Open-Mic-Abend lernen Frances und Bobbi die zehn Jahre ältere Melissa kennen, die mit ihrem Partner, Nick, in einer äußerst geräumigen Wohnung (hier hätte eine ganze Familie Platz, wie Frances anmerkt) und in einer Zweckehe lebt. Melissa ist Fotografin, Nick Schauspieler.

Während Bobbi von Melissa und ihren Fotografiekünsten beeindruckt ist, entwickelt sich zwischen Frances und Nick schon bald eine intensive Affäre, die zu einem Dilemma für alle Beteiligten wird, stellt sie doch das bestehende „rationale“ Ehe-Arrangement infrage. Auch Exfreundin Bobbi spürt, dass Frances ihr etwas verheimlicht. Frances, die Ich-Erzählerin und sonst so messerscharfe Beobachterin der feinen sozialen Unterschiede, kann ihre Gefühle aber nicht ordnen und ausdrücken. Hinter ihrem abgeklärten Understatement lauert eine große Angst, die sie erst allmählich begreift.


Vertrackte Gefühle. Die Spannung in Rooneys Roman entsteht durch die innere Unsicherheit der Charaktere, die doch so abgehoben und (selbst-)mitleidlos auf die Welt blicken. Die Dialoge kommen mit wenigen Worten aus, sind aber treffsicher wie Pfeile: mit frechem Witz, Ironie und eben Understatement. Hier wird das Innenleben des Kulturbetriebs kommentiert, werden milieuspezifische Lebensstile ebenso seziert wie die heutzutage demonstrativ zur Schau gestellte Fairness in den Geschlechterbeziehungen.

Vertrackte Gefühle und soziale Unterschiede in einer Paarbeziehung beschreibt Sally Rooney auch in ihrem zweiten, bisher nur in englischer Sprache vorliegenden Roman, „Normal People“. Dessen Übersetzung lässt hoffentlich nicht lang auf sich warten.

Neu Erschienen

Sally Rooney

„Gespräche mit Freunden“

Übersetzt von Zoë Beck

Luchterhand
384 Seiten
20,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2019)

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