Karen Köhlers „Miroloi“: Dein Name sei Überflüssig

Eine ungewöhnlich erzählte Geschichte von Unterdrückung und Auflehnung. Karen Köhler löste mit ihrem ersten Roman heftige Diskussionen unter Kritikern aus.

Karen Köhler schreibt in Strophen, betont den archaischen Charakter ihrer abgeschiedenen Welt.
Karen Köhler schreibt in Strophen, betont den archaischen Charakter ihrer abgeschiedenen Welt.
Karen Köhler schreibt in Strophen, betont den archaischen Charakter ihrer abgeschiedenen Welt. – (c) Christian Rothe

Sicher bist du nie. Aber solang die Babys noch ganz klein sind, erwischen sie die Dämonen am leichtesten. Deshalb wurden den Neugeborenen in Teilen des vormodernen China erst einmal Milchnamen gegeben und erst mit zwei oder drei Jahren bekamen sie dann den persönlichen Namen. Die Mädchen waren überflüssig. Sie mussten durchgefüttert werden und wenn sie endlich mitanpacken konnten, wechselten sie in den Haushalt der Schwiegereltern. Und so wurden sie genannt: Überflüssig. Oder: Das nächste möge ein Bub werden. Manchmal – es ist ja immer viel zu tun – wurde vergessen, den Mädchen einen richtigen Namen zu geben. Die Überflüssigen hießen dann Überflüssig, bis sie starben.

In Karen Köhlers Roman „Miroloi“ hat die Ich-Erzählerin gar keinen Namen. Aber etwas, was keinen Namen, keine Bezeichnung hat, gibt es das überhaupt? Die Ich-Erzählerin ist ein Findelkind. Wurde abgelegt in einer Bananenschachtel. Der „Bethaus-Vater“ hat sie am Strand aufgelesen. Das Dorf heißt Schönes Dorf, und es liegt auf der Schönen Insel. Die Welt der Männer und der Frauen ist streng getrennt. Eine Priesterkaste hat das Sagen. Die Religion regelt das Leben von morgens bis abends. Das heilige Buch heißt Khorabel, unschwer sind Koran, Thora und Bibel herauslesbar. Die Dreifaltigkeit besteht hier aus dem Schöpfer, dem Bewahrer und dem Zerstörer. Die Khorabel schreibt vor, dass nur die Buben lesen und schreiben lernen. Die Mädchen werden in Haus- und Feldarbeit unterrichtet.


Brachiales Patriarchat. Es ist eine archaische, patriarchalische, brachiale Gesellschaft, über die Köhler schreibt, aber keine vergangene. „Miroloi“ – was Totenklage bedeutet – spielt hier und heute. Rückständigkeit (die Dorfbewohner leben ohne Strom) und Abgeschiedenheit sind selbst gewählt, wie bei den Amish oder im „Kalifat“ des IS. Erzählt wird die Geschichte in 128 Strophen. Strophen wie in den großen Epen, der „Odyssee“ oder dem „Nibelungenlied“, der „Edda“ oder den „Veden“. Köhlers Strophen haben kein Versmaß und sie sind nicht gereimt. Manche könnte man also einfach als Kapitel bezeichnen, einige aber lesen sich tatsächlich wie Gesänge.

Schon Goethe bearbeitete den frühneuzeitlichen Faust-Stoff in antikisierendem Knittelvers, um Inhalt und Form zur Deckung zu bringen. Köhler kommt aus dem Theater. „Miroloi“ ist ihr Debütroman, aber unerfahren ist sie nicht. 2014 machte sie mit dem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ Furore. Und sie schrieb für Bühne und Film. Entsprechend sind ihre Dialoge: auf das Wesentliche reduziert, aber gehaltvoll.

Die Leser sind unmittelbar im Geschehen, sehen die Welt durch die Augen der Ich-Erzählerin, einer Ausgestoßenen, die als hässlich diffamiert und von den Kindern verspottet wird. Und auch noch hinkt. Auch hier werden Assoziationen ans Theater wach, an Tennessee Williams' „Glasmenagerie“. Aber die Ich-Erzählerin ist nicht die schüchterne, zerbrechliche Laura in Williams' Stück. Sie ist rebellisch, lehnt sich auf, will ihr Leben in die Hand nehmen, lernt lesen und schreiben. Und wird dafür hart bestraft.

Plakativ, religionskritisch. Es ist ein plakativer Text, vordergründig feministisch, religionskritisch. Jene, die sich gegen muslimische Einwanderung stemmen, könnten ihn als Wasser auf ihre Mühlen lesen. Ist es wirklich notwendig, im 21. Jahrhundert in unseren Breiten und Längen so eine Geschichte zu erzählen? Driften wir tatsächlich auf das autoritäre Patriarchat zu? So krass lässt sich Geschichte wohl nicht umkehren. Dennoch kursierten etwa vor der Nationalratswahl von 2017 in den sozialen Medien Ausschnitte aus Artikeln von FPÖ-nahen Medien, in denen man sich Frauen wünschte, die ihren „natürlichen Brutpflegetrieb“ lebten. Einem Beruf nachgehen, Karriere machen? Überflüssig.

Neu Erschienen

Karen Köhler
Miroloi

Hanser
464 Seiten, 24,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2019)

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