Koytek&Stein: „Der Posamentenhändler“: Von Kramern und Tandlern

Nirgendwo stirbt es sich so stilvoll wie in Wien. Mit Detektiv Orsini betritt eine neue Figur die Wiener Krimibühne, die gewaltiges Potenzial hat.

Kramern Tandlern
Kramern Tandlern

Die Welt des Heinrich Novak besteht aus Bändern, Fransen, Quasteln, Kordeln, Borten und Volants. Als der 85Jahre alte Novak in seinem Geschäft im siebenten Wiener Gemeindebezirk ermordet wird, stirbt mit ihm auch eine Zunft: Er war der letzte Posamentenhändler der Stadt. Schnell ist ein Täter ausgeforscht, und der Fall wird unter Beschaffungskriminalität abgelegt. Novaks Tochter Sophie engagiert Privatdetektiv Heinrich Orsini. Der aufgedonnerten Dame geht es aber weniger um die merkwürdigen Umstände des Todes, vielmehr vermutet sie, dass ihr Bruder sie um ihr Erbe bringen will. Und schon ist Detektiv Orsini Immobilienspekulanten auf der Spur, Briefkastenfirmen und Schwarzarbeitern, die brutal ausgenützt werden.

Die Welt, die das Autorenduo Koytek und Stein beschreiben, ist eine untergehende. Die kleinen Einzelhändler des Grätzels kämpfen ums Überleben. Immobilienhaie warten nur noch auf den richtigen Moment zum Zuschnappen. Der Krimi eignet sich auch bestens als Stadtführer zur Erkundung der Straßen und Gassen, Kaffeehäuser und Wirten in Wien-Neubau. Lokalkolorit auf Schritt und Tritt. Mit Heinrich Orsini betritt ein neuer Ermittler die Wiener Krimibühne, der Potenzial für viele weitere Abenteuer hat. Alles in allem ist der Krimi eine Hommage an das alte Wien. Eine gute noch dazu, die einen in den Bann zieht und auch noch für eine Überraschung aus Novaks Vergangenheit gut ist. Nur: Vielleicht ist der Krimi mit einer Spur zu viel Wehmut gewürzt. zoe

Koytek&Stein: „Der Posamentenhändler“, Leykam Verlag, 472Seiten, 19,90Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.08.2010)

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