"Ernste Männer": Die Wunder von Mumbai

Der indische Journalist Manu Joseph hat "Ernste Männer" geschrieben, einen witzigen Sittenroman vor sozialem Hintergrund, in dem es um Tarnen, Täuschen und Tricksen geht.

Ernste Maenner Wunder Mumbai
Ernste Maenner Wunder Mumbai
(c) Klett-Cotta

Manu Josephs Roman „Ernste Männer“ ist eine Fundgrube für alle, die gern mit kurzen, aber tiefsinnigen Zitaten protzen. „Hoffnung ist Konzentrationsschwäche“ zum Beispiel könnte man irgendwann in die Runde werfen, wenn diese nach übermäßigem Alkoholgenuss am kollektiven seelischen Tiefpunkt angekommen ist. „Charakter ist im Grunde eine Frage des Blutdrucks“ bietet sich an, um Kollegen über den letzten cholerischen Anfall des Chefs hinwegzutrösten.

Das bunte Ensemble, das „Ernste Männer“ bevölkert, jongliert derart witzige wie tiefsinnige Gedanken jedenfalls souverän. Offenbar macht die Übung nicht nur den Meister, sondern auch den Dichter. Denn jeder von ihnen träumt schon allzu lange von einem anderen Leben, ist aber letzten Endes ein Gefangener: seiner selbst, seines Geschlechts, seines Berufs oder seiner Kaste.

Angelpunkt von Josephs erstem Roman ist das „Institut für Theorie und Forschung“ in Bombay (Mumbai) – ein Ort, an dem die klügsten Köpfe Indiens den schwierigsten Fragen des Universums nachgehen. Geführt wird es von dem – im wahrsten Sinn des Wortes – überlebensgroßen Direktor Arvind Acharya, der Zeit seines Lebens als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt wurde und dessen Einfluss viel weiter reicht als der seiner zahlreichen Gegner und Konkurrenten im eigenen Haus. Diesen Einfluss macht Acharya erfolgreich geltend, um den Kampf zu seinen Gunsten zu entscheiden, mit welchen Methoden nach außerirdischem Leben gesucht werden soll: mit Flaschen oder mit dem „Großen Lauscher“.

Wie man ein „Wunderkind“ macht. Während Acharya und andere ernste Männer ihre geistigen Scharmützel in höheren Sphären austragen, bastelt sein ebenso umtriebiger wie gewitzter Sekretär Ayyan Mani seine eigenen Bomben. Mani ist Dalit, wie sich die Unberührbaren selbst nennen, Unterster der Untersten im indischen Kastensystem. Mit seiner Frau und seinem schwerhörigen Sohn Adi lebt er in einer Einraumwohnung in den BDD Chawls, einem deprimierenden Wohnheim in Bombay voller hoffnungsloser Existenzen. Dort ist Mani ein kleiner König: hochintelligent (IQ von 148), voller Wut auf die Brahmanen, subversiv und überzeugt von dem Grundsatz „Wissen ist Macht“. Um seinem Sohn eine bessere Zukunft zu bieten (und auch um sein eigenes Leben aufregender zu gestalten), nützt Ayyan Mani das im Institut aufgeschnappte Wissen, um Adi mit betrügerischen Methoden zum Wunderkind zu stilisieren. Für Vater und Sohn wird es ein Spiel mit Suchtcharakter, der Einsatz mit jeder Runde höher. Immerhin beschert es beiden ihren Moment des Ruhms, den sie dank Manis perfektem Gefühl für Timing auch unbeschadet überstehen. Und Ayyan Mani wird dadurch zur Schlüsselfigur in einem viel größeren Match mit politischer Bedeutung.

Der indische Journalist Manu Joseph ließ sich von wahren Ereignissen inspirieren – zum Beispiel davon, dass viele indische Eltern von dem Gedanken beseelt sind, Wunderkinder gezeugt zu haben. Den bedrückenden Unterbau liefert das starre indische Kastensystem. Dennoch versinkt „Ernste Männer“ nicht in Depression, sondern ist ein hinreißend erzählter, oft witziger Sittenroman über Indien, über den Wissenschaftsbetrieb, über außerirdisches Leben in Flaschen und über die Ehe.

Joseph schreibt über seine Figuren voller Mitgefühl und Menschlichkeit. Mit zwei Ausnahmen: Beamte und Intriganten. Seine wahren Sympathien aber gehören dem „Underdog“ Ayyan Mani. Dem gönnt er jede Menge Spaß und viele kleine Triumphe. Auch wenn die Hoffnung letzten Endes wahrscheinlich eine Konzentrationsschwäche bleibt.


Manu Joseph, „Ernste Männer“, Klett-Cotta,357 Seiten, 21,95 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2010)

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