Enzensberger: "Dichter sind meistens Diebe"

Bei "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein war Hans Magnus Enzensberger zu Gast. Im Interview mit der "Presse am Sonntag" spricht er über Büchernarren, Zorn und Scheitern.

(c) EPA (ERHARD HOIS)

Der Dichter Hans Magnus Enzensberger hat das Wochenende im Waldviertel verbracht, als Ehrengast beim Festival „Literatur im Nebel“, das von der Stadt Heidenreichstein, Exminister Rudolf Scholten und dem Dichter Robert Schindel vor fünf Jahren initiiert wurde. Die Feier wächst sich aus. Allein am Freitag wird in der Festhalle von Heidenreichstein fünf Stunden lang vorgelesen, diskutiert, analysiert, von prominenten Schauspielern und Schriftstellern, am Samstag wiederholt sich dieses Fest. Vor allem nämlich wird Hans Magnus Enzensberger gefeiert, von Autoren wie Gaston Salvatore oder Irene Dische, für die er Mentor war, von 700 Menschen, die ganz einfach Literatur lieben. Der höfliche Mann und listige Denker aus Deutschland findet nach diesem Marathon dennoch Zeit für ein ausführliches Interview mit der „Presse am Sonntag“.

 

Was halten Sie von Preisen?

Hans Magnus Enzensberger: Ach, die vergisst man sofort. Was man nicht vergisst, sind die Niederlagen. Im Januar erscheint ein Buch von mir: „Meine Lieblingsflops“, eine lange Reihe von Sachen, die nicht funktioniert haben. Ein Desaster auf der Bühne hält sich viel besser im Gedächtnis als Lob.

 

Sie wurden hier von Peter Turrini liebevoll als Büchernarr charakterisiert. Ist das überhaupt heilbar? Bücher hat man nie genug.

Ich habe inzwischen angefangen, Klassiker, bei denen ich es dreimal vergeblich versucht habe, einfach rauszuschmeißen. Darunter sind deutsche Bildungsromane wie der „Maler Nolten“. Das ist immer die gleiche Geschichte vom Buben, der Künstler sein will. Sonst passiert nicht viel. Bei den Deutschen war das im 19. Jahrhundert weit verbreitet. Deshalb haben sie so wenig brauchbare Romane. Da ist zu wenig Welt drin.

 

Hindert aber das Lesen nicht am Schreiben?

Der richtig gute Leser verhält sich passiv. Jene, die selbst schreiben, sind dagegen meistens Diebe.

 

Und wo stiehlt der Dichter am liebsten?

Eine Zeitlang etwa bei Rilke. Da hat man einen Rilke-Tick, den man ganz toll findet. Man schreibt also schlechte Gedichte. Ich habe einmal ein Autodafé gemacht und solche Sachen einfach weggeschmissen. Wenn man berühmt ist, tauchen sonst plötzlich wie bei Brecht Schulaufsätze auf. Ich finde das unhygienisch.

 

Als junger Poet waren Sie geradezu als politisch verschrien.

In den Fünfzigerjahren war es wahnsinnig leicht zu provozieren. Dazu reichte es, wenn zum Beispiel Grass beschrieb, wie ein Junge ein Ritterkreuz trägt. Schon war es ein Skandal. Wir hatten es in den trägen Fünfzigerjahren aber auch ganz lustig. Das Provozieren hat mir Spaß gemacht. Aber so etwas ist nicht tragfähig. Wenn sich heute beim Theater alle immer ausziehen, ist das doch eine müde Sache.

 

Sind Sie jetzt tatsächlich altersmild? Was war Ihr letzter richtiger politischer Groll?

Politisch richtig geärgert habe ich mich in der Bundesrepublik über Momente von Menschenjagd in den Neunzigerjahren. Da habe ich mich zu einem gewissen Pathos hinreißen lassen und gesagt, jetzt reicht es, als die Asylantenheime angezündet wurden. Heute aber hat man sich in der U-Bahn an farbige Personen gewöhnt. Das heißt nicht, dass die Ausländer den Leuten willkommen sind, aber sie gehören heute doch irgendwie zur Szene. Das ist eine gewisse Besserung durch Gewöhnung, wenn schon nicht durch Einsicht.

Ihre Prosa „Hammerstein oder Der Eigensinn“ (2008) handelt vor allem von der Nazizeit. Reizt es Sie nicht, die eigene Kindheit und Jugend zu beschreiben?

Ich bin kein Autobiograf, weil ich der ganzen Sache misstraue. Da gibt es diese schrecklichen Memoiren „Wie ich einmal mit Beckett gegessen habe“. Im wirklichen Leben spielen doch berühmte Leute keine Rolle. Da ist doch Kino besser. Wenn Sie an Ihre frühe Kindheit denken, können Sie überhaupt nicht unterscheiden, was Sie erlebt haben und was Ihre Tante oder Mutter Ihnen darüber erzählt hat. Da gibt es immer eine Vermischung. Im schlimmsten Fall rücken Sie das zurecht. Autobiografie ist auch Fiktion. Wenn ich aber über General Hammerstein schreibe, bin ich nur Beobachter. Ich bin nicht beteiligt. Ich habe einen kälteren Blick als auf das eigene Leben. Ich bin neugieriger auf andere.

 

Aber was ist mit den sinnlichen Eindrücken?

Da gibt es schon Glaubhaftes. Ich erinnere mich an den Reichsparteitag in Nürnberg. Aber nicht an die Aufmärsche, sondern an die Nazis, die bei uns im Haus untergebracht wurden. Die haben uns immer den Hof vollgeschissen. Das weiß ich noch. Ich hatte Glück mit meinen Eltern. Die waren zwar nicht im Widerstand, aber Hitler hat ihnen nicht gepasst. Das merkt ein Kind.

 

Lyrik ist für Sie all die Jahre die Hauptsache geblieben?

Das ist der Kern, da kommt die Energie her. Lyrik ist aber ein Metier wie jedes andere. Wenn man es sehr gut drauf hat, sollte man Pause machen. Es gibt Leute, die alle zwei Jahre einen Band veröffentlichen. Das kann eigentlich nicht sein. Erich Fried hat mir einmal seinen Manuskripteschrank gezeigt, mit 30.000 Gedichten. Das fand ich sehr befremdlich. Ein Lektor müsste da die paar brauchbaren Sachen herausfiltern. Das macht keiner. Deshalb setze ich manchmal ein paar Jahre aus, versuche, keine Gedichte zu schreiben.

Wie kommt der Dichter zu den Wörtern? Was sind Ihre Favoriten?

Eine wichtige Sache, die theoretisch nicht gefasst werden kann, ist der Tonfall, die Stimmlage und Intonation. Sprache ist so reich, eine Orgel mit hunderten Pfeifen, mit der Vox Caelestis, mit Echos. Je feiner das Ohr ist, desto mehr kriegt man mit. Ich liebe zum Beispiel diese unauffälligen Sätze wie „Alles, was recht ist“. Das ist eine einfache Redensart, in die dennoch eine hohe Komplexität eingelagert ist. Wenn ich ein Halbzitat aus der Liturgie mit einer Banalität vereine, entsteht ein Gefälle. Es entstehen Obertöne. Das gefällt mir. Es gibt Dichter mit einem gleichmäßigen Ton wie Eichendorff. Der hat ein tolles Ohr für Nuancen, arbeitet ganz anders als ich. Der würde nie sagen: „Du kannst mir den Buckel runterrutschen.“

 

Pathos hat es derzeit hingegen noch immer schwer in der deutschen Literatur.

Das kommt aber nicht nur von der Nazischeiße, sondern auch vom Expressionismus, vom Sturm und Drang bis zurück zu Luther. Es gibt eine deutsche Tradition des Grobianismus. Ich aber finde Zivilisation auch nicht schlecht. Man kann auch mit kleinen Tönen arbeiten.

Wie steht es schließlich mit der Religion? Kommt am Schluss doch eine Beichte wie beim radikalen Aufklärer Voltaire?

Der war ein harter Aufklärer, er konnte mit dem Unbewussten wenig anfangen. Diderot ist ganz anders. Er hat über die Leidenschaften nachgedacht, war reichhaltiger, nicht so schematisch. Freud sprach vom ozeanischen Gefühl. Das kann man auch ohne die Kirche haben, auch die Buddhisten haben ihre eigenen Möglichkeiten. Nachdem die Poesie in meinen Augen alles verschlucken kann, was in uns drin ist, schrecke ich vor nichts zurück. Die letzte Ölung muss ja nicht sein. Nehmen Sie die moderne Kosmologie. Die ist ebenso mythologisch mit ihrer dunklen Materie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2010)

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