Jochen Rausch: Verdurstet im Seitensprungzimmer

Der Journalist Jochen Rausch erzählt "13 Storys" von Morden im Affekt. Keine Wohlfühlgeschichten. Eine gewisse Ähnlichkeit zu Ferdinand von Schirach ist unverkennbar.

Jochen Rausch Verdurstet Seitensprungzimmer
Jochen Rausch Verdurstet Seitensprungzimmer
(c) Berlin Verlag

Jochen Rausch macht das geschickt. Wie er uns Leser ein wenig an der Nase herumführt. Seine Geschichten heißen „Am See“, „Der Ausflug“ und „Barcelona“. Hinter diesen betont harmlosen Titeln hat er jeweils eine Klammer geparkt, die zwei Namen zusammenhält: (Asa & Christoph), (Margit & Christian), (Herbert & Klaus-Peter). Sind das Paare? Eltern? Geschwister? Es gibt kein System dahinter. Und es ist auch alles andere als harmlos, was da in den Geschichten namens „Auf Öland“, „Klassentreffen“ oder „Seitensprungzimmer“ passiert.

Der Titel und das verbindende „&“ zwischen den Namen in der Klammer sollen dem Leser bloß verdeutlichen, wie nahe grenzenlose Liebe und mörderischer Hass, Lust und Tötungswille beieinanderliegen können. Wie schnell aus dem duldsamen Partner ein Mörder im Affekt werden kann. Jochen Rausch ist Programmchef von Radio 1 Live beim Westdeutschen Rundfunk und hat bei der Arbeit an seinem ersten Geschichtenband „Trieb. 13 Storys“ von seinen Erfahrungen und Erinnerungen aus der Zeit als Gerichtsreporter gezehrt. In einem Interview erzählte er, dass er den Ausgangspunkt der Geschichten teilweise aus Reportagen über Morde und Prozesse entnommen hat, die er geschrieben hat. Namen, Orte und Wendungen der Geschichten hat er verändert. Er wollte die Kriminalfälle nicht nur nacherzählen.


Die Familie anzünden. Ein Arzt und Familienvater, der sich nach einer jahrelangen Affäre mit einer anderen Frau entschließt, diese zu verlassen und danach im Affekt das Ferienhaus seiner Familie anzündet und dadurch seine Zwillinge tötet. Ein wohlhabender, adeliger Mann, der sich in einer eigens angemieteten Wohnung, die er und seine Freunde „Das Seitensprungzimmer“ nennen, regelmäßig von einer Prostituierten auspeitschen lässt, und die mit Handschellen ans Bett gefesselte Frau drei Tage und Nächte lang vergisst, als er zu seiner bei einem Reitunfall verunglückten Tochter ins Krankenhaus eilen muss. Die Prostituierte verdurstet. Die Rache ihres Zuhälters und Freundes ist bitter. Solche Geschichten erzählt Rausch in sachlichem, betont nüchternem Ton und ohne ein Urteil über das Geschehene abzugeben. Das sind keine Wohlfühlgeschichten.


Déjà-vu mit Drachen. Geschichtensammlungen wie die von Jochen Rausch haben derzeit Konjunktur. 2009 schrieb der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach in seinem Sammelband „Verbrechen“ Geschichten über die Abgründe menschlicher Natur, ein Jahr später legte er mit „Schuld“ einen weiteren Band vor. Die Erzählungen von Rausch und Schirach ähneln sich in vielerlei Hinsicht. Ein Déjà-vu hat der Leser etwa bei Rauschs Story „Die Liebe seines Lebens“: Sie erinnert an Schirachs Geschichte „Fähner“. In beiden Texten geht es um ein Ehepaar, das lange miteinander verheiratet ist. Bei beiden entpuppt sich die Ehefrau als permanent nörgelnder Drachen, die Ehemänner gehen in innere Immigration. Irgendwann brennt ihnen die Sicherung durch: Bei Schirach zerstückelt Fähner seine Frau mit der Axt. Bei Rausch setzt sich Gerhard mit einem Polster auf das Gesicht seiner bettlägrigen Frau Erika und bricht ihr damit das Genick. Während Schirach nur aus der Perspektive des beobachtenden Strafverteidigers erzählt, zerhackt Rausch seine zwölf bis zwanzig-seitigen Geschichten in kleine Teile und wechselt unzählige Male die Perspektive. Einmal erzählt der Kommissar, einmal die Psychologin, einmal der Hausmeister des wohlhabenden Mannes, der sich gerne auspeitschen lässt.

Leider ist da noch eine Sache, die stark an Schirachs Texte erinnert: Das sprachliche Fingerspitzengefühl entgleitet auch Rausch, dem Meister der kurzen Sätze, manchmal gehörig. Da haben die jungen Ärzte, die einander auf einem Kongress in Rom kennenlernen „den eintönigen Singsang der Simultanübersetzer auf den Kopfhörern“. Da begreift die Ehefrau beim Anblick ihres ermordeten Mannes, dessen rechter Fuß abgeschnitten ist: „Dass es dieser Fuß ist, was in Ernos Mund steckt.“ Manchmal stolpert der Leser über hässlich verstümmelte Sätze wie diesen: „Es ist Ende September und angenehme 24 Grad.“ So etwas ist vor allem ein Ärgernis.

Jochen Rausch, Trieb. 13 Storys, Berlin Verlag 2011, 210 Seiten, 19,50 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2011)

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