Barbara Frischmuth: "Das Schreiben ist eine Sucht!"

Sie bereichert seit 50 Jahren die österreichische Literatur: Barbara Frischmuth im Interview mit der "Presse" über ihre Leidenschaft für die Sprache, das Erzählen und die Sehnsucht nach der Ferne.

Barbara Frischmuth Schreiben eine
Barbara Frischmuth Schreiben eine
Barbara Frischmuth – (c) FABRY Clemens

Ab wann hat sich bei Ihnen der Drang zum Schreiben von Geschichten entwickelt?

Barbara Frischmuth: Ich habe schon als Kind geschrieben und wollte erzählen. Für mich gab es in meinem ganzen Leben nur eine Alternative: Tierärztin.

 

Woran ist das gescheitert?

Der Wunsch zu schreiben war einfach stärker. Ich bin in einem Hotel in Altaussee aufgewachsen. Dort habe ich mir die Welt selber konstruiert, das Tote Gebirge war für mich in der Fantasie eine exotische Welt. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, habe ich das Gefühl großer Unabhängigkeit.

 

Ihr Vater ist im Krieg gefallen. Hat sich dieser Verlust auf Ihre Literatur ausgewirkt?

Eigentlich nicht. Ich hatte einen Stiefvater, mit dem ich mich überhaupt nicht verstand. Auch da konnte ich eine gewisse Widerständigkeit üben. Natürlich ist dieser Schattenvater eine Leerstelle geblieben. Ich hatte die Fantasien, dass mein Vater plötzlich als großer Zampano auftaucht.

 

In Ihrer Familie gab es über Jahrhunderte Wirtsleute. War das prägend fürs Erzählen?

Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass die Schauplätze in meiner Literatur Hotels oder Wirtshäuser sind. Das Milieu ist mir vertraut. Im Sommer war in Altaussee immer viel los. Schauspieler und andere interessante Leute sind bei uns aus und ein gegangen. Im Winter gab es nichts als Brauchtum, noch keine Wintersaison. Das war für uns Kinder immer ein absoluter Wechsel. Man wusste auch nicht, ob das Geld bis zum Sommer reichte.

 

Sie sind dann hinausgezogen in die Welt, erst in eine Klosterschule, die Ihnen, wenn man Ihren ersten Roman liest, nicht behagte. Sind Sie noch immer rebellisch?

Ich habe die geschlossene Sprache dieser Schule für den Roman verwendet, weil ich sie am besten kannte. Sie hatte auf alles Antworten parat, es gab eine große Ordnung. Ohne Anstrengung ist man aus diesem Kreis nicht rausgekommen. Mein Unbehagen habe ich zehn Jahre später in „Die Klosterschule“ outriert wiedergegeben. Aber die Schule war gut. Wenn die Präfektin mit der ersten Klasse nicht fertig wurde, hat sie mich aus der zweiten geholt, damit ich eine Geschichte erzähle. Auch im Schlafsaal hat man mich zum Erzählen ermuntert. Ich wurde wegen meiner poetischen Ader aber auch aufgezogen. Und ich war oft krank, weil ich im Krankenzimmer lesen konnte.

 

In Graz stießen Sie dann zum „Forum Stadtpark“ und zur neuesten Dichtung...

Dort konnte ich mein absolutes Verlangen nach Literatur stillen. Es gab den Filmklub, die Urania. Alfred Kolleritsch hielt Vorträge über moderne Literatur. Und schon war ich mittendrin. Ich wurde in Abwesenheit zum Gründungsmitglied des „Forum Stadtpark“ erklärt. Da war ich schon zum Sprachstudium in der Türkei.

 

Wie weit hat das Eintauchen in fremde Sprachen Ihr Werk beeinflusst?

In Ungarn habe ich mich nie fremd gefühlt. Aber wenn man anders strukturierte Sprachen lernt, kommt man auf die blinden Flecken der eigenen. Es gibt in jeder Sprache Dinge, die man nicht unmittelbar erfassen kann. Das Türkische z.B. hat zwar kein grammatikalisches Geschlecht, keine Artikel und Nebensätze, sondern nur Hilfskonstruktionen, aber dafür hat es unendlich präzisere Verbformen für Schnelligkeit, Dauer, Vermutung oder Tatsächlichkeit. Im Deutschen fehlt das Gefühl dafür, man muss es umschreiben.

 

Was sind die Stärken des Deutschen?

Die flektierenden Sprachen sind nicht an ein so strenges Regelwerk gebunden. Das erzeugt viel Spannung innerhalb eines Satzes, weil die Sprache flexibler ist. In diesen fürchterlichen Nebensatzungetümen wird lange nicht klar, ob etwas wirklich passiert ist. Da muss man genau aufpassen. Eine andere Sprache bedeutet einfach einen anderen Zugriff auf die Wirklichkeit.

 

Wie steht es mit der Ironie im Türkischen?

Die kann sehr witzig sein. In der Lyrik zum Beispiel kann man viel Homoerotik unterbringen, weil man nicht weiß, ob der oder die mit den Zobelwimpern gemeint ist. Selbst bei den Namen gibt es das Unbestimmte.

 

Welche der orientalischen Literaturen hat Sie am stärksten verführt?

Das gravierende Erlebnis für mich waren die Geschichten von „Tausendundeine Nacht“ in einer für Kinder purgierten Fassung. Die habe ich mit zehn Jahren in Aussee gelesen. Da hat sich mir eine Welt geöffnet. Die Figur der Scheherazade ist mir seither nie abhanden gekommen, diese starke Frau, bei der Erotik zur Bildung gehört.

 

Was interessiert Sie an Europas Literaturen?

H.C. Artmann war für mich ein lieber Gott. E.T.A. Hoffmann, Jean Paul mit seiner ausufernden Fantasie, Arno Schmidt. Und die Kinderliteratur, ausgehend von der englischen. Sehr schnell bin ich über Lewis Carroll bei James Joyce gelandet. Für Wolfgang Hildesheimer habe ich die türkischen, persischen und ungarischen Wortlisten des Kapitels „Anna Livia Plurabelle“ aus „Finnegans Wake“ gemacht. Das hätte ich dann für Fritz Senn für das ganze Werk machen sollen. Als ich aber bei einem Kongress in Triest die Joycianer gesehen habe, mit ihren stundenlangen Vorträgen, habe ich mir gedacht: Nein, ich bin selber Autorin.

 

Sie zogen sofort die Konsequenz?

Ich habe diese Arbeit nicht gemacht. Fluchten waren immer wieder ganz wichtig und richtig für mich. Man muss seiner eigenen Natur folgen. Die Gnostiker haben recht, wenn sie sagen: Wenn man nicht hervorbringt, was in einem ist, wird einen das, was man nicht hervorgebracht hat, umbringen.

 

Bei Ihnen war offenbar sehr viel da. Sie haben gut vier Dutzend Bücher veröffentlicht.

Das ist ein wenig Etikettenschwindel. Einige Bücher wurden nur neu aufgelegt, einige sind nur Bilderbücher. Aber das Schreiben ist wirklich mein Leben, und solange ich gesund bin, wüsste ich nicht, was ich sonst machen sollte. Es freut mich auch, dass die meisten Bücher noch immer im Handel sind.

 

Wie gehen Sie ans Werk? Ganz systematisch und diszipliniert oder schubweise?

Das kommt bei mir in Wellen. Dazwischen muss ich immer die Tanks auffüllen. Ich reise und fahre die Antennen aus, ich arbeite sehr viel im Kopf. Bevor ich einen Roman verfasse, bin ich oft zwei Jahre damit beschäftigt, mir das zurechtzulegen. Dann schreibe ich sehr diszipliniert mit der Hand. Dazu braucht man „one's own room“, wie Virginia Woolf gesagt hat.

 

Ist das Schreiben für Sie im Grundgefühl ein Laster oder eine Berufung?

Das Schreiben ist eine Sucht für mich! Es ist der ständige Versuch, für sich selbst die Welt zu übersetzen.

Haben Sie einmal eine Figur in Ihrem Werk, die Sie nicht leiden konnten, ermordet?

Die Figuren sind eigenständig, obwohl sie alle aus mir kommen. Sie haben oft furchtbare Probleme miteinander. Ich hätte manchen gerne in die Finger gekriegt. Man lässt sie auch sterben, aber für gewöhnlich nicht durch Mord.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2011)

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