Katja Kullmann: "Ein Auf und Ab wie im Film"

In ihrem neuen Buch "Echtleben" erzählt die Soziologin, Journalistin und Schriftstellerin Katja Kullmann nicht nur ihr eigenes Leben, sondern spiegelt die Nöte einer ganzen Generation "neuer Erwachsener" wider.

(c) Eichborn

Ich habe unglaubliche Höhen erlebt, aber auch das, was man als dunkle Seite der Gesamtflexibilisierung der Gesellschaft kennenlernt.“ Katja Kullmann, Soziologin, Journalistin und Schriftstellerin, hat mit ihren 40 Jahren bereits ein bewegtes Leben hinter sich: von der Bestsellerautorin („Generation Ally“, 2002) zur Hartz-IV-Empfängerin, dann plötzlich „wie Hans im Glück von unten nach ganz oben gefallen“, als Ressortleiterin eines großen Hamburger Glamour-Magazins, wo sie nach eineinhalb Jahren wieder kündigte.

Denn dort ist Kullmann bloß „am anderen Ende der Leitung gesessen“, hat konstant die Tagsätze und Honorare der freien Mitarbeiter kürzen und genau jene Sätze sagen müssen, mit denen zuvor sie selbst abgespeist worden war. „Die Leute auf dieser Ebene haben aber gar keine Wahl: Sie müssen genau dieses unsolidarische Renditedenken weitergeben.“ Ein Job, der ihr extrem schmutzig und schizophren vorkam. Und der letztendlich zeigte: „Man kommt nirgendwo hin, weder von der Gewinner- noch von der Verliererseite“, so Kullmann im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“.

Es war „ein Auf und Ab, wie im Film, ein so tolles Fallbeispiel, dass ich diese Geschichte aufschreiben musste“. Herausgekommen ist dabei das Buch „Echtleben“. Vor Kurzem erschien es im Eichborn Verlag, der – ironischer Schlusspunkt der Geschichte – soeben Insolvenz anmelden musste. Ein Satz gilt für Kullmann nun jedenfalls „definitiv nicht mehr: Über Geld spricht man nicht.“ Ganz offen schildert sie in ihrem Buch das Leben in finanzieller Not. Das „Outing“, knapp ein Jahr Hartz IV bezogen zu haben, ging nicht ganz ohne Reibungsverluste, überwiegend sind die Reaktionen jedoch positiv, unter dem Motto: Einer muss ja einmal auspacken.

In „Echtleben“ erzählt Kullmann nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern die einer ganzen Generation: jener „neuen Erwachsenen“, wie die literarische Icherzählerin sie nennt, die heute zwischen 30 und 45 Jahre alt sind. Die Nullerjahre: Da war dieser „Aufbauwille – ich gehörte zu denen, die dachten, wir können die Welt ein bisschen fairer gestalten. Geschlecht, Geld, Herkunft – spielt alles keine Rolle mehr. Es kommt auf Talent und Ideen an.“


Keine Vorbilder. Kullmann war selbst Teil der ersten Praktikantenschwemme und Quereinsteigerkohorte, dazu kam das Internet – „es gab keine Vorbilder, niemand hatte vorher diese Jobs gemacht“. Die jungen Erwachsenen stürzten sich ins Arbeitsleben, „mit Lust und Gestaltungswillen, auch Erwartungen. Ich habe es von Anfang an begrüßt, frei zu arbeiten, nicht einen festgefertigten Lebensweg zu haben, der für immer zementiert ist, sondern durchaus auch zu experimentieren, Unwägbarkeiten in Kauf zu nehmen.“

Wie aber kommt es dann dazu, dass gut ausgebildete Leute wie Kullmann, fleißig und kreativ, irgendwann doch an dem Punkt anlangen, dass sie Sozialhilfe beziehen müssen? Erst profitierte sie vom Boom Ende der Neunzigerjahre, war fest angestellt bei einem Wirtschaftsmagazin, kündigte schließlich, was „damals gar nicht mutig war, sondern Mainstream“. Das Schlagwort lautete: „Sei Unternehmer deiner selbst“.

Aber was als Lebenskunst gedacht war, verkommt zur Überlebenskunst. Obwohl Kullmann, die inzwischen in Berlin lebte, mit ihrem ersten Buch „sehr viel Geld verdient und ganz ordentlich zurückgelegt“ hatte, kam sie nach drei, vier Jahren, in denen es noch gut lief, in einen Strudel: „Die Honorare sanken, Loyalitäten in den Redaktionen nahmen ab.“ Mit dem Ersparten konnte Kullmann sieben Jahre lang alle schlimmen Einbrüche im Zeitungsmarkt polstern und eigene Rechercheprojekte finanzieren.

Aber das Geld wurde immer weniger, bis sie irgendwann nicht mehr wusste, wie sie über die nächsten vier Wochen kommen sollte. „Ich fiel rein wie viele andere freie Kollegen.“ Gerade in Berlin könne man den Absturz sehr gut verdrängen und verbergen: „Hier ist die Kreativwirtschaft, abgerissene Sessel, hier kommt's nicht drauf an. Es gibt unglaublich witzige Partys mit Prekariatsdisco, haha.“

Aber irgendwann kam der Tag X, „ich fand raus: Es gibt nichts außer Hartz IV“. Kullmann ging aufs Amt, war dankbar, dass es diese Unterstützung gab, hoffte aber zugleich, „dass man mich wegschickt. Ich wollte gern das Zeugnis haben: Sie sind kein Problemfall, Sie schaffen's.“

Kullmann wurde nicht weggeschickt. Im Gegenteil: Man erklärte ihr, dass sie schon viel früher hätte kommen können und sich nicht schämen müsse: „Sogar richtige, echte Schauspieler zählen zu unseren Kunden“, so die Dame vom Amt. Die Sache ging relativ bürokratiefrei über die Bühne, Kullmann wurde sogenannte Aufstockerin, das heißt, sie arbeitete weiter als Freie und bekam Zuschüsse. Gereicht hat es hinten und vorn nicht.


Die Sorge, nicht mehr dazuzugehören.
Wie sie das Leben als Hartzerin meistert, ist in „Echtleben“ nachzulesen: „Ich trank Leitungswasser und lernte die vielfältigen Möglichkeiten kennen, die ein Laib Toastbrot bietet. Vorgeschnitten, in einer Plastiktüte gekauft, kommt man sehr gut eine Woche damit aus... Man kann eine gesalzene Tomate dazu essen, später ein Stück Käse, dann noch einen Apfel, schon ist der Tag herum, und man hat, zusammen mit dem, was man an den vorigen drei Tagen nicht verfressen hat, am Abend 30 oder 35 Euro zur Verfügung, um die alten Bekannten wiederzusehen und sich zu benehmen, als wäre nichts. Keine Hungerattacke ist so schlimm wie die Sorge, nicht mehr dazuzugehören.“

Einen Ausweg bietet, so Kullmann, nur eine Festanstellung oder ein Lotteriegewinn. In ihrem Fall war es das glamouröse Jobangebot aus Hamburg. „Ich bin kein Opfer, weil ich ja dann wieder Gewinnerin war.“ Nur aus der inzwischen wieder halbwegs sicheren Position konnte sie sich entblößen, das Buch schreiben. „Ich kriege etwas zurück dafür, dass ich offen gesagt habe, wie schlecht es mir ging. Das ist auch ein großer Gewinn.“

1970
Geboren in Bad Homburg

Studium
der Politikwissenschaft, Soziologie und Amerikanistik

2002
Publikation des Bestsellers „Generation Ally“

Seit 2009
in Hamburg zu Hause

2011
Publikation des Buches „Echtleben“ (Eichborn Verlag)

Buchtipp

Katja Kullmann:
Echtleben

Eichborn Verlag

256 Seiten

18,50 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2011)

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