China: Regimekritischer Autor Yu Jie verlässt das Land

Der regimekritische Bürgerrechtler und Autor Yu Jie ist in die USA ausgereist. Als der Druck auf die chinesische Bürgerrechtsszene im Herbst 2010 verstärkt wurde, geriet auch Yu ins Visier.

(c) EPA (BILL SMITH)

Ich bin gerade in den USA eingetroffen“, informierte der regimekritische Autor, Literaturwissenschaftler und Bürgerrechtler Yu Jie die deutsche Nachrichtenagentur DPA in Peking am Donnerstag in einem kurzen Mail. Auf die genauen Umstände seiner Ausreise ging er nicht ein: Er wolle sich erst einmal ausruhen.

Die Vorgeschichte dieser Emigration: Bekannt wurde Yu durch sein kritisches Buch über den chinesischen Ministerpräsidenten: „Chinas größter Schauspieler: Wen Jiabao“ ist in China verboten, wurde aber im Sommer 2010 in Hongkong veröffentlicht. Als der Druck auf die chinesische Bürgerrechtsszene im Herbst 2010 verstärkt wurde, geriet auch Yu ins Visier der Behörden und stand längere Zeit unter Hausarrest.

Im Buch kommentiert Yu unter anderem das öffentliche Erscheinungsbild des chinesischen Premiers und greift das Image des freundlichen „Großvaters Wen“ an. Es gebe das „virtuelle China“ und das „echte China“, schreibt der Herausgeber in der Einleitung. Als Beispiel dafür nennt Yu die Reaktion des Premierministers Wen auf das Erdbeben in Sichuan (Yus Heimatprovinz) 2008. Nachdem Wen als einer der ersten Politiker im Krisengebiet angekommen sei, habe er Familien getröstet und den Hinterbliebenen der umgekommenen Kinder versichert, bald eine Erklärung dafür zu finden, dass beim Beben so viele Schulen eingestürzt waren. Dieses Versprechen habe Wen nicht gehalten. Auch seien kritische Aktivisten, die die Ursache der Einstürze ermitteln wollten, verhaftet und verurteilt worden. Der Ministerpräsident, so Yu, setze sich also nicht für politische Reformen und eine Demokratisierung des Landes ein.

 

Bedrohung der Staatssicherheit

Solche direkte Kritik am Regime gilt in China als Tabubruch und als Bedrohung der staatlichen Sicherheit. So meldete sich der chinesische Staatssicherheitsdienst bei Yu, nachdem dieser die Veröffentlichung des Buches über Twitter und andere Nachrichtenportale bekannt gegeben hatte.

Ein Offizier verhörte Yu Jie im Vorfeld der Veröffentlichung stundenlang und drohte, ihm könnte es ergehen wie seinem Freund, dem Dissidenten und Friedens-Nobelpreisträger Liu Xiaobo. Dieser war 2009 wegen „Untergrabung der Staatssicherheit“ zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Als klar wurde, dass Yu sich nicht einschüchtern ließ und das Buch trotzdem erschien, drohte die Staatssicherheit mit einem Strafgerichtsprozess. Weiters auffällig bei den Behörden wurde Yu, der Protestant ist, durch seine Aktivitäten in der Untergrundkirche („Hauskirche“). Wohl auch dadurch, dass er bereits 2006 vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush im Weißen Haus empfangen wurde. Und dadurch, dass er gemeinsam mit dem Schriftsteller und Friedens-Nobelpreisträger Liu Xiaobo den chinesischen PEN-Club für unabhängige Schriftsteller gründete. PEN ist eine internationale Organisation, die sich für Rede- und Publikationsfreiheit einsetzt.

Yu war Bestsellerautor, bevor seine Bücher nach der Ernennung Wens zum Premier verboten wurden. Seit 2000 darf er seinen Beruf nicht mehr ausüben. Yus Freund Liu Xiaobo wurde 2008 festgenommen, nachdem er wie 300 andere Intellektuelle das Bürgerrechtsmanifest „Charta 08“ unterschrieben hatte. Als ihm 2010 der Friedens-Nobelpreis verliehen wurde, konnte er ihn nicht entgegennehmen, da ihm die Ausreise nach Oslo verwehrt wurde. Familienmitglieder und Kollegen wurden daran gehindert, die Auszeichnung stellvertretend entgegenzunehmen. Lius leer gebliebener Stuhl bei der Preisverleihung wurde zum Symbol des Widerstands gegen das chinesische Regime. Liu sitzt nach wie vor in seiner Gefängniszelle in Jinzhou im Nordosten Chinas, mit seiner Familie darf er nur schriftlich kommunizieren. Seine Frau steht unter Hausarrest.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2012)

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