Jauffret: „Thomas Bernhard hätte es viel härter geschrieben“

Interview mit dem Autor. Régis Jauffret über angeblichen Komfort im Keller, zerstörte Beweismittel und das spezifisch Österreichische am Fall Fritzl.

(c) APA (Robert Jaeger/Apa-Pool)

Die Presse: Was hat Sie dazu gebracht, aus dem Fall Fritzl einen Roman zu machen?

Régis Jauffret: Der Fall Fritzl ist schon ein Mythos, der einzigartig ist in der Geschichte der Zivilisation. Es ist genau wie Platons Höhlengleichnis, die Kinder hatten nur das Fernsehen, das allerdings viel mehr ist als die Schatten bei Platon. Manche Details haben mich nicht losgelassen – etwa was der Fünfjährige sagte, als er aus der Höhle herauskam: „Das ist toll, jetzt kann ich in einem Auto fahren.“

 

In „Claustria“ weiß Fritzls Ehefrau alles. Wie kamen Sie zu dieser Darstellung?

Um zu verstehen, musste ich schauen, wer Fritzl ist, und was der Platz der Frau in diesem Paar war. Die Beziehung zwischen Fritzl und seiner Ehefrau ist von entscheidender Bedeutung; darüber wurde nicht genug nachgedacht. Es war doch sehr merkwürdig, dass man beim Prozess nur Fritzl hörte und nicht die Frau. Auch die Akustikexperten und die Nachbarn wurden nicht angehört, obwohl der Mann vor aller Augen mit seinen Einkäufen durch den Garten ging.

 

Sie sehen die österreichische Justiz sehr kritisch.

Bei der Pressekonferenz nach dem Urteil habe ich gefragt: „Werden Sie weitere Untersuchungen anstellen?“ Es hieß: „Nein.“ Nach österreichischem Gesetz werden, wenn ein Fall abgeschlossen ist, alle Beweismittel zerstört, das heißt, dass der Polizei jegliche weitere Versuche, die Wahrheit herauszufinden, verwehrt sind.

 

Wie gut kannten Sie Österreich, bevor Sie sich mit dem Fall Fritzl befassten?

Gar nicht. Zum ersten Mal war ich während des Prozesses in Österreich, ich kann auch nicht Deutsch. Ich sah die Ereignisse als total Außenstehender. Dadurch habe ich aber auch Dinge wahrgenommen, die einem im Land Lebenden nicht so leicht auffallen.

 

Wen haben Sie getroffen?

Den Verteidiger habe ich nicht gesehen, er wollte nicht. Ich habe Psychiater getroffen, und ich habe die Medien verfolgt.

Sie hatten eine österreichische Freundin, die Ihnen Kontakte vermittelte.

Ja. Nina kannte Österreich sehr gut, sie hat eine sehr wohlwollende Sicht ihres Landes.

 

Die Ihr Roman gar nicht vermittelt.

Ja, ich selbst habe andere Schlussfolgerungen gezogen. Ich sage nicht, dass Fritzl wie die übrigen Österreicher ist. Ich sage auch nicht, dass Österreich ein Nazi-Land ist, das ist total falsch. Aber Österreich soll aufhören, sich als Opfer zu präsentieren. Es hat sich nie entschuldigt, die Nazi-Zeit nie aufgearbeitet wie andere Länder. Dass niemand was gesehen hat, könnte man mit diesem Faktum in Verbindung bringen.

 

Was Sie sagen, stimmte bis zur Waldheim-Affäre, die ist ein Vierteljahrhundert her.

Ich kann mich irren. Der Nazi-Aspekt ist ja nur ein Detail im Roman. Aber die Fragen bleiben: Konnte man nicht sehen, man nicht hören? Die Geschichte ist hier prägender als anderswo. In Frankreich hätte man den Fall nicht mit der Geschichte in Zusammenhang gebracht. Im Süden der USA, wo es fundamentalistische Christen gab, die Frauen als Sklavinnen ansehen, schon. In der Region um Amstetten gab es Familien, wo Männer Tyrannen waren und Frauen Untergebene. In Frankreich werden Sie einzelne solche Familien finden, aber nicht ganze Regionen.

 

Inwiefern wäre der Fritzl-Prozess in einem anderen Land anders abgelaufen?

Sexuelle Delikte werden in Österreich nicht angesehen wie in anderen Ländern. Für Inzest gibt es hier drei Jahre, in Frankreich 20. In Österreich musste man für Fritzl ein Delikt finden, das er gar nicht begangen hat, nämlich Mord. Das ist doch sehr merkwürdig, ich kenne keine vergleichbaren Fälle. Und hat Österreich seit dem Fall Schlüsse gezogen? Hat man die Gesetze geändert? Meines Wissens nicht.

 

Haben Sie Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek gelesen?

Jelinek kaum, Bernhard liebe ich. Hätte er diesen Roman geschrieben, er wäre schrecklich geworden, viel härter. Es wurde behauptet, der Keller sei schalldicht gewesen, das stimmt nicht. Nein, die Frau hat alles gehört!

Glauben Sie, Josef Fritzl verstanden zu haben?

Ja und nein. Seine Psychologie ist sehr flach, trotzdem bleibt er ein Rätsel. Ich glaube, für das Verständnis ist wichtig, dass sich die Dinge über eine lange Zeit entwickelt haben, auch die Gefühle Elisabeths. Wie konnte sie 24 Jahre lang überleben und gesund herauskommen? Im Keller war eine Bräunungslampe, sie hatten eine gemütliche Küche, einen Rowenta-Mixer, Fritzls Bett war hübsch, sogar ein Parkettboden war drin, eine ganz neue Heizung. Der Keller war gar nicht grässlich, wie die Medien das vermittelt haben. Hier hat sich eine Art Familie gebildet. Hätten nicht die Fenster gefehlt, könnte man sagen, es waren relativ normale Umstände.

Zum Autor

Régis Jauffret, geboren 1955 in Marseille, gilt als literarischer Spezialist für psychopathische und verbrecherische Existenzen. In „Histoire d'amour“ versetzte er sich in einen Vergewaltiger, in „Clémence Picot“ in eine Kindsmörderin. Schon einmal ließ er sich von Nachrichten zu einem Roman inspirieren: Sein bisher einziger auf Deutsch übersetzter Roman, „Sévère“ („Streng“), behandelt die Ermordung des Bankiers Edouard Stern durch seine Geliebte. Die Bankiersfamilie klagte, zog die Klage aber vor wenigen Wochen zurück. [Le Seuil]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2012)

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