Thomas Raab: "Jetzt geht das Sterben wieder los"

In seinem fünften Krimi schickt der Wiener Autor Thomas Raab seinen übergewichtigen schrulligen Ermittler Metzger in den Schnee. Ein zutiefst österreichischer Krimi. Im besten Sinn.

Thomas Raab Jetzt geht
Thomas Raab Jetzt geht
(c) Piper

Jetzt ist also wieder etwas passiert. Nicht beim Brenner zwar, dafür aber beim Metzger – und das ist fast genauso erfreulich. Zum fünften Mal lässt der Wiener Autor Thomas Raab in „Der Metzger bricht das Eis“ seinen übergewichtigen Restaurator Willibald Adrian Metzger ermitteln. Wie gewohnt stolpert der skurrile Endvierziger eher zufällig von Tatort zu Tatort – und dem Mörder in bewährt behäbiger Art hinterher.

Diesmal ermittelt der Metzger – nach dem Konzerthaus und den Wiener Philharmonikern im vorigen Roman – in einer weiteren zutiefst österreichischen Kulisse: den Bergen, konkret (und für den unsportlichen und eher misanthropischen Metzger noch viel schlimmer) auf den Pisten und in den Skihütten. In einem bei „Adabeis und Nichtdabeis“ boomenden Tiroler Wintersportort mit regem Après-Ski-Leben und der fiktiven Weltcupabfahrt Schindlgruben, die jedes Jahr halb Österreich vor die Bildschirme lockt. Ein Schelm, wer da an Kitzbühel denkt.

Bevor es den Metzger aber in die Berge verschlägt, beobachtet er bei einem Spaziergang in Wien, wie ein Mädchen auf einem Spielplatz an einer Wasabinuss zu ersticken droht und von einem Obdachlosen wiederbelebt wird. „Jetzt geht das Sterben wieder los“, murmelt der Obdachlose kryptisch, und damit soll er recht behalten: Zuerst stürzt die Mutter des Mädchens angeblich mit Selbstmordabsichten vom Spitalsdach, kurz darauf ist auch der Obdachlose tot. Bewusstlos getrunken und erfroren, glaubt die Polizei. Der Metzger ist da anderer Meinung. Die Postkarte eines Hotels, die er in den Habseligkeiten des Obdachlosen findet, lässt ihn samt Freundin Danjela und Halbschwester Sophie in die Berge fahren.

Intrigen im Skiort. Thomas Raab, Jahrgang 1970, setzt auch in seinem neuen Krimi auf die bewährten und seit seinem Debüt 2007 erfolgreichen Metzger-Krimi-Ingredienzien. Soll heißen: viel schwarzen Humor, viel wunderbar politisch Inkorrektes wie die Witze auf Kosten der zu klein geratenen Nebenfigur Toni Schuster („Laufmeter“). Dazu die eine oder andere makabre Art zu sterben. (So viel sei verraten: Nie wieder wird man nach der Lektüre auf der Piste einfach so an einer Skikanone vorbeifahren). Immer wieder streut Raab wie gewohnt feinsinnige Alltagsbeobachtungen und Milieuschilderungen ein. Stilistisch erinnert der Roman dabei, auch wenn Raab das wahrscheinlich nicht mehr hören will, an Wolf Haas und dessen unerreichte Satzfragmente in den Brenner-Krimis. Wo Haas weglässt, formuliert Raab mit fast genauso viel Sprachwitz und Wortspielereien ganze Sätze aus.

Trotz des Fokus auf dem Wie, der Erzählweise, bleibt aber auch das Was, die Geschichte, nicht auf der Strecke: Die Spannung bleibt dank der vielen offenen Fragen, die Metzger aufsammelt und nur langsam lösen kann, fast durchgehend aufrecht. Nach und nach bekommt der Metzger Einblick in die Tourismus(schein)welt, in der alle verwandt, verbandelt, jedenfalls aber verfeindet sind, seit die mächtige Familie Thuswalder den beschaulichen Ort durch die Errichtung neuer Skilifte ohne Rücksicht auf Verluste in Richtung Massentourismus gepusht hat.

Natürlich begibt sich Metzger durch sein lästiges Nachfragen in Lebensgefahr. Bis zum wahnwitzigen Showdown auf der Skipiste, den man, wiewohl jenseits jeder Wahrscheinlichkeitsgrenze, als Leser gern schluckt. Nichts anderes ist man von heimischen Krimis, die sich selbst nicht so ernst nehmen (wollen) wie jene aus dem hohen Norden, gewöhnt. Damit reiht sich Raab bestens in die österreichische Krimitradition ein. Oder eher: Er bleibt damit weiter ziemlich an der Spitze.

Neu Erschienen

Thomas Raab
Der Metzger bricht

das Eis

Piper

352 Seiten

19,99 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2012)

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