Andreas Salcher: Wider die Trägheit!

Andreas Salcher denkt gerne quer und öffentlich. Sein jüngstes Buch ist eine Absage an die Ausrede: Wir sollten wissen wollen. Eine Rezension von Alexander Van der Bellen.

Andreas Salcher Wider Traegheit
Andreas Salcher Wider Traegheit
Salcher – (c) Clemens Fabry

Das ist kein Buch über Weltverbesserung, sondern über Selbstverbesserung. Sagt Andreas Salcher. Natürlich ist es ein Buch über beides. Am (pardon, etwas kitschigen) Cover hält uns ein kleines Mädchen einen Spiegel vor; können wir guten Gewissens sagen: „Ich habe es nicht gewusst?“ Nichts gewusst von der Klimaveränderung, von den Möglichkeiten eines korrekteren Lebensstils, von den Menschenrechtsverletzungen in chinesischen Fabriken westlicher Firmen, von den Chancen, viel zu verändern durch Zivilcourage – oder auch durch Aufmucken als lästiger, informationsheischender Konsument. Alles hat dieser Rezensent jedenfalls nicht gewusst, ganz zu schweigen von allfälligen Konsequenzen des Wissens. Die Giftstoffe in fertig gerauchten Zigaretten hatte ich Raucher schon erfolgreich verdrängt.

Eine moralische Predigt, ja, aber man kann mit wachsendem Interesse zuhören, denn Salcher moralisiert nicht, jedenfalls nicht zu sehr. Er lässt uns teilhaben an seinen persönlichen Zweifeln, Irrtümern, Unvollkommenheiten. Das erleichtert mitzugehen in dieser Demonstration gegen Trägheit, Dummheit und die Suche nach Ausreden.

„Blinde Samariter“. Aber die sind nicht Salchers (und unsere) einzigen Feinde. Genauso wichtig wie das Nicht-Sehen-Können ist das Nicht-Sehen-Wollen. Das Erste wird gut beschrieben in der Geschichte von den „blinden Samaritern“. Studenten der Theologie (!) sollten eine Predigt ausarbeiten, die dann im TV-Studio aufgezeichnet würde. Vorzeitig wurden sie jeweils einzeln aufgefordert, ins Studio zu eilen, wo man schon auf sie warte. Vor dem Studioeingang lag eine hilflose Person mit einem vorgetäuschten Asthmaanfall. Weniger als die Hälfte der Seminaristen leisteten Hilfe. Die anderen rannten vorbei. Sie hätten die Person, so sagten sie in der Analyse, in ihrem Stress gar nicht wahrgenommen.

Wie viel hat der Durchschnittsbürger in der Nazi-Zeit wirklich gewusst, fragt Salcher. „Darauf gibt es eine faire Antwort: Genauso viel, wie wir heute über die großen Probleme der Welt wie Umweltzerstörung, Hunger oder Armut wissen. Niemand hat alles gewusst, und jeder hat genug gewusst, um mitschuldig zu sein.“ Ja, aber zwischen Wissen-Können und Wissen-Wollen klafft ein Abgrund. Es ist eine notwendige Bedingung für halbwegs funktionierende Demokratien, „dass die Bürger mit verlässlichen Informationen ausgestattet sind“, aber hinreichend ist es nicht. Die BürgerInnen müssen auch wissen wollen.

Damit sind wir dort, wo man uns die Freude am Lernen, am Erwerb von Wissen, häufig austreibt: in der Schule. Salchers Buch vom „talentierten Schüler und seinen Feinden“ war wunderbar. Auch das Kapitel „Revolution in der Schule“ eignet sich als Pflichtlektüre für Lehramtsstudenten. Aber auch für Eltern und Hauptbetroffene: frei nach Karl Marx muss ja die Befreiung der Schülerklasse von den SchülerInnen selbst in die Hand genommen werden.

Was fühlt der Planet? Schwierigkeiten mit dem Autor habe ich ausgerechnet dort, wo ich, als Naturliebhaber, emotional mit ihm übereinstimme. Im Kontext von Treibhauseffekt oder riskanten Tiefseebohrungen nach Öl ist die Rede von den Leiden und Schmerzen unseres Planeten, die zu ignorieren wir ständig versucht seien. Der Planet – ein fühlendes Lebewesen? Wenn Christen von der Verantwortung für die „Bewahrung der Schöpfung“ sprechen, so ist das nicht nur ein schönes poetisches Bild („Umweltschutz“ klingt vergleichsweise technokratisch), sondern beruht auf einem axiomatischen theologischen Untergrund. Selbst dann ist „der Planet“ noch kein fühlendes Lebewesen.

Immerhin, die Passage hat mich an ein Gespräch mit meinem Coach erinnert. Er bat mich, die Augen zu schließen und mich in eine Gegend meiner Wahl zu versetzen. Ich fand mich in einem Hochgebirgstal neben einem Bach. Dann sollte ich versuchen, mir vorzustellen, ich selbst wäre das Tal. Bewegungs- und machtlos musste ich erdulden, dass der Weg asphaltiert, das Tal verschandelt wurde – aber nicht ohne Bosheit dachte ich: Das könnt ihr machen, aber unwiderruflich verändert sich mein Charakter.

Was kann ich wissen; was darf ich hoffen; was soll ich tun? Also sprach Immanuel Kant. Wir wissen mehr als wir uns selber eingestehen; von allein ändert sich nichts; tut was, verdammt! So ähnlich spricht Andreas Salcher. Und erzählt nebenbei gute Geschichten, die Sie selbst lesen sollten.

Buch

Andreas Salcher:
Ich habe es nicht gewusst.
Ecowin,
276 Seiten,
22,90 Euro

Leser

Alexander Van der Bellen ist Professor für Volkswirtschaftslehre und einer der angesehensten Politiker Österreichs, auch wenn er 2008, nach elf Jahren, als Bundessprecher der Grünen zurückgetreten ist. MAYR Elke

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2012)

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