Törtchen für einen Saurier aus Österreich

Der Grazer Philosoph und „Presse“-Kolumnist hat seine „Vorletzten Dinge“ als Buch veröffentlicht: ein Manifest für einen Menschentyp, wie „er österreichischer gar nicht sein kann“.

(c) FABRY Clemens

Ein Mops, zwei Meerschweinchen, ein Trottel, ein pragmatisierter Philosophieprofessor: Mehr bedarf's nicht. Mit diesem Figurenarsenal, angereichert durch die wochenaktuellen Zeitgenossen, bestreitet Peter Strasser nun schon seit fast einem Jahrzehnt seine Kolumne „Die vorletzten Dinge“ in der „Presse“. Die besten Stücke der letzten Jahre liegen nun unter dem programmatischen Titel „Kein Tag ohne Erleichterung“ als Buch vor. In diesem ist alles vereint, was das Leserherz höher schlagen lässt: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Wann allerdings was davon gilt, darüber lässt der Grazer Philosoph den Leser im Dunkeln. Oft erweist sich der Witz als bittere Wahrheit und die Wahrheit als schlechter Witz. Vor Überraschungen ist niemand gefeit.

Strassers Kolumnen kennen nur zwei Arten von Lesern: Strasser-Liebhaber und Strasser-Hasser. Unmöglich, diese zugespitzten und oft ans Absurde, das sich als das Alltägliche erweist, rührenden Miniaturen zu lesen, und danach mit den Achseln zu zucken. Entweder man ist begeistert oder empört. Entweder man kennt sich nicht aus oder ist wirklich erleichtert. Entweder man fühlt sich provoziert oder bestätigt. Entweder findet man das krank oder denkt: Wenigstens einer, der noch halbwegs bei Sinnen ist. Darf man so mit der Intelligenz und der Frustrationstoleranz seiner Leser spielen? Ja, man darf.

 

Pilcher, aber auch Doderer

Peter Strassers Alter Ego ist das Zerrbild eines beamteten Universitätslehrers. In seiner kleiner Beamtenwohnung lebt er zurückgezogen mit seinen Haustieren und deren absonderlichen Ernährungsgewohnheiten – Sachertörtchen mit Schlagobersöhrchen –, er liest gerne Rosamunde Pilcher, aber auch Heimito von Doderer, er beachtet peinlich das Kirchenjahr und ehrt es durch Keksebacken und Kekseverzehr im Advent, zu Weihnachten und auch zu Ostern, und sein ganzer Stolz besteht in einem begehbaren Medikamentenschrank, aus dessen reichhaltigem Bestand er sich alles Mögliche oral oder noch lieber rektal appliziert, um sich angesichts der österreichischen Weltlage wenigstens hin und wieder Erleichterung zu verschaffen. Und so kommentiert dieser Beamte, der es mittlerweile tatsächlich zur literarischen Figur geschafft hat, das Zeitgeschehen: hämisch, witzig, umständlich und vordergründig beflissen.

Beachtlich zum Beispiel der Grant des Professors auf eine reformwütige Bildungspolitik. Wenn er gegen die Finnlandisierung des Schulwesen zu Felde zieht, ist das mindestens so amüsant wie die Art und Weise, wie er sich gegen den Vorwurf, ein reformverweigernder „Humanist“ zu sein, zur Wehr setzt: Er werde seinem Kritiker einfach schreiben: Sie sind ein Depp. Um im nächsten Kapitel noch eins draufzusetzen und den ehernen Zusammenhang zwischen Deppentum und Dummheit zu erklären: Dumm ist, wer nicht weiß, dass er ein Depp ist. Wer allerdings weiß das schon?

Sicher nicht die zeitgeistigen Rektoren jener Privatuniversität, die einen Feng-Shui-Lehrgang als Einführung in eine „ursprüngliche Wissenschaft“ anbietet, die allerdings der wissenschaftlichen Überprüfung nicht zugänglich sei. Sicher auch nicht jenes Wirtschaftsinstitut, das einen Astrologiediplomlehrgang im Repertoire hat, prozessorientierte Gesprächsführung inklusive; und sicher auch nicht jene Kollegen, die ganz auf die Neurowissenschaften setzen und mit diesen die Freiheit des Willens endgültig für widerlegt erachten, dabei allerdings, in banger Erwartung, für was sich das Hirn nun entscheidet, stundenlang unentschlossen im Kaffeehaus sitzen.

 

„Relikt der Prä-Exzellenz-Ära“

Natürlich: Strasser argumentiert nicht. Seine Texte sind Literatur, alle Personen, auch die namentlich genannten, sind fiktiv. Oder: Strassers Texte sind polemische Einlassungen wider den Zeitgeist, vieles mag zugespitzt und übertrieben sein, aber alle Personen, die namentlich genannt sind, sind auch gemeint. Was nun? Alles ist möglich, der Leser darf, ja muss entscheiden – oder sich auf sein Hirn verlassen, dessen Urteil womöglich schon feststeht, bevor die Lektüre überhaupt begonnen hat.

Der beamtete Weisheitslehrer, dieses „pragmatisierte Relikt der Prä-Exzellenz-Ära“, dieser „drittmittellose Saurier der Freiheit von Forschung und Lehre“ hat natürlich so seine Lieblingsfeinde, über die er nicht müde wird, seinen Hohn und seinen Spott auszuschütten. Die hyperliberalen Wutbürger gehören ebenso dazu wie die Bildungswettbewerbsfanatiker, die Strache-Fans, zu denen allerdings auch sein Freund, der Trottel, gehört, ebenso wie die flotten Privatisierer, die allzu Kunstsinnigen genauso wie die apokalypsehungrigen Gläubigen des Maya-Kalenders, die Popularphilosophen genauso wie die Vertreter der wissenschaftlichen Exzellenz. Vor Strassers spitzer Feder ist niemand sicher, der Autor dieser Zeilen genau so wenig wie Strasser selbst.

Als „pragmatisierter Philosoph“ oder „philosophisch Pragmatisierter“ möchte Strassers Alter Ego einen Menschentyp verkörpern, wie „er österreichischer gar nicht sein kann“. Damit allerdings wird diese Figur zu einer der letzten ihres Standes. Die Pragmatisierung an den Universitäten ist längst abgeschafft, die Inhaber von jederzeit kündbaren All-inclusive-Verträgen ahnen längst nichts mehr von den Winkeln und Tücken, den Sehnsüchten und Pathologien der österreichischen Beamtenseele, und über kurz oder lang wird man wie im Ausland auch in Österreich nicht mehr wissen, was unter Pragmatisierung einmal zu verstehen war. Ein Stück Österreich verschwindet, aus den vorletzten Dingen wird ein letztes. Damit allerdings sollte für das literarische Ich des Peter Strasser und für dessen Berufsbeamtentum das eingefordert werden, was der von Strasser gerne zitierte Theodor W. Adorno für eine andere altehrwürdige Erscheinungsform des Denkens, die Metaphysik, einst angemahnt hat: Solidarität im Augenblick ihres Sturzes. Oder auch nicht.

Peter Strasser: Kein Tag ohne Erleichterung. Vorletzte Dinge, zusammengestellt von Astrid Kury, mit Zeichnungen von Fritz Panzer, 118 Seiten, Verlag Residenz.

Geschichte der Torte

Sachertörtchen mit lustigen Schlagobersöhrchen lässt Peter Strasser in seinen Kolumnen gern seinen Vollmops Paul essen. Bis Oktober 2011 waren das rein literarische Mehlspeisen, dann wandte sich Strasser via E-Mail an Sacher-Chefin Elisabeth Gürtler – mit der Bitte, sie zu verwirklichen. Gürtler reagierte sehr freundlich und arrangierte nach eingehender Korrespondenz über die Konsistenz der Öhrchen die Produktion der Torte, die am 25.April Peter Strasser überreicht wurde, der sie sogleich fifty-fifty mit dem Feuilleton der „Presse“ teilte. Sie hat uns sehr gefreut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2012)

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