McBurney: „Der Teufel fordert bei Bulgakow Mitgefühl“

Simon McBurney über Christus, Stalin und Träume vom fantastischen Roman „Der Meister und Margarita“. Die Version des britischen Regisseurs ist ab Freitag bei den Wiener Festwochen auf Englisch zu sehen.

(c) Robbie Jack (Festwochen)

Träumen Sie noch von „Der Meister und Margarita“, dem Roman, den Sie dramatisiert haben?

Simon McBurney: Ja, es ist ein endloses Werk, weil Bulgakow es nie beendet hat. Es ist fantastisch, es verweist auf Träume, beschreibt sie. Auch die Geschichten innerhalb des Romans haben dieselbe Realität, die ein Traum hat. Es geschieht ganz von selbst, dass diese Arbeit in deine Träume gelangt oder deine Träume in die Inszenierung. „Der Meister und Margarita“ ist schwer zu definieren, voll Ambiguität. Man weiß nie genau, ob das vor 2000 Jahren passiert ist, ob es sogar ein Traum in der Zukunft ist, der nach dem Tod spielt oder gar von einem anderen erzählt wird.

Man kann sich das Ende aussuchen. Die Idylle mit Margarita oder Jesus vor Pilatus in Jerusalem?

Oder im Moskau der Dreißigerjahre mit all den Verhaftungen. Wunderbar an einer Dramatisierung ist, dass man sie bei diesem großen Text ständig verbessern und verfeinern kann. Die Arbeit war wie eine Ausgrabung.

 

Für die Zuseher rivalisieren Ihre Bilder mit vorgefassten Bildern der Romanlektüre. Ist das heikel?

Enttäuschungen sind in diesem Fall immer möglich. Ich möchte mich gleich bei allen entschuldigen, deren Eindrücken vom Roman ich nicht entspreche. Notwendigerweise entsteht in der Reaktion der Betrachter ein drittes Kunstwerk. Wenn man einfach hineinspringt, fühlt man auf tieferer Ebene die Verbindung zum Roman. Wir bleiben ihm in vieler Hinsicht treu, überlassen aber auch viel der Fantasie. Und wenn auch die Aufführung nicht das Lesen ersetzt, kann man sich zumindest Träumen hingeben.

 

Indem Bulgakow Jesus und den Teufel auftreten lässt, misst er sich mit ganz Großen. Mit Goethes „Faust“, mit Dostojewskis Großinquisitor in „Die Brüder Karamasow“. Wie bewerten Sie diese?

Dostojewski ist allgegenwärtig bei Bulgakow. Beide Christusfiguren sind menschlich, es fehlt das Entrückte. Bulgakows Christus bettelt um sein Leben, als er merkt, dass er sterben soll. Er wird von Angst überwältigt und verführt Pilatus mit seiner Rede. Der verliebt sich in Christus und bittet ihn, zu lügen, damit er gerettet werden könne. Er will weiter mit ihm reden. Bei Dostojewski besteht das Geheimnis aus Christi Schweigen. Das ist fundamental, Worte würden Verrat bedeuten. Aber auch hier geht es essenziell um einen gewöhnlichen Menschen. Der wird im 19. Jahrhundert quasi statistisch betrachtet. Das war auch 1930 so, auf andere Art. Das Bild des Menschen, der Mitmenschen drängt, den eigenen inneren Wert zu erkennen, ist der politische Teil dieser Christusfigur. Bei Bulgakow kommt die Ansicht dazu, dass alles, was über Christus geschrieben wurde, falsch sei. Wir leben doch auch in einer Zeit, die vollkommen fiktional ist, hier in unserer Eurozone mit ihrem Konsumkapitalismus, in dem man sich ständig nach dem nächsten sinnlosen Gut sehnt.

 

Ist Christus bei Bulgakow denn anarchistisch?

Für ihn ist jede Art von Staatsmacht brutal und bedeutet Gewalt gegen Menschen.

 

Der Roman spielt im Stalinismus. Damals haben die Sowjets „Faust“ so interpretiert, dass man eine Zeit lang wie der Teufel agieren müsse, um eine bessere Gesellschaft zu erhalten...

Stalins Schatten gibt es überall im Text, aber der Roman bleibt für uns politisch, weil er Fiktionen enttarnt. Er hatte keine Chance auf Veröffentlichung zu Lebzeiten. Deshalb ist die Untersuchung der Conditio humana viel interessanter als die offensichtliche politische Komponente, von der man sich natürlich nicht lösen kann. Die Frage der Fiktion innerhalb der Fiktion ist eine Untersuchung des Bewusstseins. Dinge werden real, indem man sie benennt. Der Traum des Autors aber befasst sich vielleicht mit einem Stadium vor der Sprache, so wie das Kind sieht, bevor es Worte für die Welt findet.

 

Sie haben in Cambridge studiert. Dort sympathisierten zwei Generationen zuvor viele Intellektuelle mit der Sowjetunion. War von dieser Atmosphäre bei Ihnen noch etwas zu verspüren?

Nein. Aber wer damals in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein soziales Gewissen hatte und den Leuten eine Chance geben wollte, der Armut zu entkommen, der war vom Sozialismus oder Kommunismus angezogen. Die Alternative war der Faschismus. Das Experiment der Revolution senkte zum Beispiel in den ersten zehn Jahren die Rate der Analphabeten von 95 Prozent auf unter 60 Prozent. Es gab starke Gesundheitsprogramme, weltweit waren sie die besten.

 

Wie sieht Bulgakow diese Veränderungen?

Er geißelt den Materialismus der Sowjets, er hat zwar viel Mitgefühl für Menschen mit Problemen, dennoch macht er sich mit beißender Satire über die kleinbürgerliche Verwaltung lustig, der die Menschen egal sind.

 

Nur Voland kümmert sich um die Menschen...

Wie schlecht muss es um eine Gesellschaft stehen, in der der Teufel Mitgefühl fordert! Das ist der größte Witz bei Bulgakow.

 

Glauben Sie, dass es den Teufel gibt?

Da möchte ich mich auf Bulgakow beziehen. Voland, der Teufel, sagt: „Wenn doch die Menschen nur eingestehen würden, dass es Schatten gibt.“ Heute aber gebe es nur noch die Fantasie des reinen Lichts. Was wir dunkel nennen, ist notwendigerweise Teil des Lichts, sie sind untrennbar verbunden. Was wir den Teufel nennen, als Symbol, der etwa einst mit Maske durch österreichische Dörfer rannte, der Leute versuchte, ist überall in der Welt eine Figur, die offenbart, dass Menschen von Unsicherheit bestimmt sind, vom Unbekannten. Das liegt dem Teufel zugrunde.

 

Nachdem auch wir Rollen spielen: Was würden Sie mich fragen, wenn ich der Regisseur wäre?

„Ist die Aufführung unterhaltsam?“

 

Ich würde sagen: „Natürlich nicht. Das ist eine ernste Angelegenheit. Theater muss schmerzen!“

Darauf würde ich sagen: „Ja, ich verstehe, das stimmt absolut!“

Théâtre de Complicité

Simon McBurney, geb. am 25. August 1957 in Cambridge, ist ein britischer Film- und Theaterschauspieler, Autor u. Regisseur. 1983 Mitbegründer des Théâtre de Complicité.

Michail Bulgakow (*1891 in Kiew) schrieb bis zu seinem Tod 1940 in Moskau am Roman „Der Meister und Margarita“. Das satirische, erst 1966 publizierte Werk wurde ein Welterfolg.

Bei den Wiener Festwochen wird McBurneys Version im Burgtheater gezeigt: 1., 2., 4. Juni, um 19.30 Uhr. 3. Juni um 14.30 und 19.30 Uhr. [Joseph Marzullo / WENN/Newscom]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2012)

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