Bekenntnisse: So führt man Medien in die Irre

Ryan Holiday gab sich in Massenmedien als Experte für alles aus, um zitiert zu werden. Auch die „New York Times“ und Reuters hat er so ausgetrickst. Damit wollte er beweisen, wie schlampig Medien recherchieren.

Symbolbild
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(c) Erwin Wodicka (Erwin Wodicka)

Mit der „New York Times“ sprach er über das Sammeln von Vinylplatten. Dem Fernsehsender ABC versicherte er glaubhaft, er leide an chronischer Schlafstörung. Und für die Webseite von CBS erfand er eine Horrorgeschichte über seinen früheren Arbeitgeber. Innerhalb weniger Wochen war dem 25-jährigen PR-Strategen Ryan Holiday gelungen, was er sich vorgenommen hatte: den Beweis zu erbringen, wie leicht es ist, Bloggern, aber auch Massenmedien vorzugaukeln, Experte für irgendetwas zu sein und mit erfundenen Erfahrungsberichten und Kommentaren zitiert zu werden.

„Meine Vorstellung war, dass Blogger hineingelegt werden, nicht aber die Traditionsmedien. Ich musste erkennen, dass diese Fälschungen genauso leicht aufsitzen.“ Sein größter Triumph war, dass auch die renommierte „New York Times“ auf ihn hereinfiel und ihn, der keine einzige Vinylscheibe besitzt, mit einer inhaltsleeren Aussage über den Klang dieser Platten zitierte. Der verantwortliche „New York Times“-Reporter Roy Furchgott zeigte sich wenig gerührt: Er hätte niemals geglaubt, dass jemand bei so etwas Belanglosem lügen würde, sagte er.

Kaum einer prüft die Quelle

Holiday stellte fest, wie schlampig manche Journalisten und Blogger recherchieren. Kaum jemand habe sich die Mühe gemacht, die Quelle zu überprüfen. Nur wenige wollten mit ihm telefonieren, den meisten reichte sein Statement per E-Mail. Dabei findet sich sehr viel über Ryan Holiday im Netz. Etwa dass er für das Marketing der Modefirma American Apparel zuständig ist, für die Webseite des Magazins „Forbes“ schreibt und Beiträge für die Onlineplattformen „Huffington Post“ und „Daily Beast“. Er ist bekannt für seine Vorliebe, Medien hinters Licht zu führen und nennt sich selbst offenherzig „Medienmanipulator“.

Bei seiner Täuschung war Holiday vor allem die Webseite „Help a reporter out“ behilflich, eine Plattform, die Medien eine Datenbank zur Verfügung stellt, in der mehr als 200.000 Menschen gesammelt sind, die sich in irgendeinem Gebiet als Experten, Augenzeugen oder Betroffene sehen und sich dazu gerne äußern wollen.

Holiday macht vor allem das Internet dafür verantwortlich, dass es heute so leicht geworden ist, Lügen zu verbreiten: „Ein gut gemachter und ein schlecht gemachter Artikel erreichen dieselben Klicks im Netz. Es gibt also keinen Anreiz mehr, gute Arbeit zu leisten.“ Das Experiment hat Holiday nicht nur aus altruistischen Gründen durchgeführt, sondern um Eigenmarketing für sein Buch zu betreiben, das soeben erschienen ist: „Trust Me, I'm Lying. Confessions of a Media Manipulator“. Auch das wäre mit einer kleinen Internetrecherche schnell herauszufinden gewesen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2012)

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