Abschied vom Gestern: Print ist tot? Nein, Print mit Botschaft überlebt

Gastbeitrag. Die gedruckte Zeitung wird ein unabwendbares Ende haben. Die Verlage wollen diese Wahrheit nicht sehen.

Symbolbild
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(c) Erwin Wodicka (Erwin Wodicka)

Es gibt Botschaften, die mag man nicht hören. Zum Beispiel die, dass dieser Text bald nur mehr digital zu lesen sein wird. Und die Tageszeitung, die sie gerade in Händen halten, nur mehr digital erscheint. So alt, so ehrwürdig „Die Presse“ auch sein mag: Spätestens 2020 wird sie nur mehr am Wochenende auf Papier gedruckt werden. Als eine gesamte Wochenendausgabe, die „Presse am Sonntag“ ersetzend. Und auch diese Wochenendausgabe wird es digital geben. Gegen Bezahlung oder gratis? Gute Frage. Wahrscheinlich ein Weg zwischen den Stühlen.

Den Rest der Woche wird „Die Presse“, wie zu diesem Zeitpunkt alle Tageszeitungen und Wochenmagazine, nur mehr digital erscheinen. Print wird nur mehr eine sentimentale, vor allem haptisch konnotierte Erinnerung sein. Denn Print ist tot.

Als ich begonnen habe, diesen Satz wie ein Mantra zu postulieren – das war vor sechs Jahren im Forum der digitalen Tageszeitung „derstandard.at“ – da schlug mir von vielen Seiten Hass und Empörung entgegen. In einer Art, wie ich es selber nicht vorausgesehen und erwartet hätte. Eine Schießbudenfigur wettert gegen gedruckte Zeitungen; ein Bilderstürmer, der nicht weiß, dass angekündigte Revolutionen nie stattfinden. Und diese Leute, die sich damals trotz Pseudonym zu erkennen gaben, denken heute immer noch so; sie sitzen weiterhin in den Chefetagen österreichischer Verlage und halten sich für die Elite des österreichischen Zeitungswesens; eine Elite, die von der Welt nur wenig mitbekommt, besser gesagt mitbekommen will; eine Elite, die ihre Zeit bis zur Ablöse oder Pensionierung aussitzt. Hinter ihnen die Sintflut.

Das Medium geht in die Defensive

Zugegeben, die Realitätsverweigerer sind weniger geworden. Das ist auch kein Wunder, denn längst ist die Krise der Verlage und Printmedien Alltag. Am meisten (in der Qualität) und am wenigsten (in der Zahl der Publikationen) in Österreich. Deswegen wird es Österreich auch besonders schwer treffen. Wenn der erste Dominostein fällt.

Erst diese Woche kam die Nachricht, dass die deutsche Tageszeitung „Financial Times Deutschland“ (FTD) von der gedruckten Erscheinungsform stückweise zurücktritt. Weniger Seiten, weniger Eigenwerbung: Das Medium geht in die Defensive. Nicht die beste Methode, mit einer Krise umzugehen, aber offenbar sieht der Eigentümer Gruner+Jahr wenig Möglichkeiten, die FTD in ihrer derzeitigen Erscheinungsform weiter über die Runden zu bringen. Nicht einmal ein ständig erhöhter Copypreis kann noch helfen. In guten Zeiten hat Gruner+Jahr die FTD einfach durchgefüttert. Doch seitdem auch die Schlachtschiffe der Verlags, „Stern“, „Geo“ oder „Brigitte“, massiv Auflage und Inserate verlieren, schrumpft der Gewinn des immer noch riesigen Medienunternehmens. Der Luxus einer Tageszeitung wird für den bedrängten Magazinverlag zur Bürde. Die ersten Manager werden bereits aus der Verlagsleitung gedrängt, wie diese Woche zu beobachten war. Als könne eine andere Verlagsleitung etwas besser machen. Wie sollte sie?

Weit entfernt von Erkenntnissen

Print ist tot, weil Smartphones und Tablet-Computer zunehmend den Alltag der Menschen bestimmen. Diese Geräte und ihre Mitbewerber erhalten und verteilen Unterhaltung und Informationen. Mir ist es ein Rätsel, dass nur so wenige Verleger, Herausgeber und Chefredakteure nach der Präsentation des iPad in der Sekunde begriffen haben, was dieses Gerät bedeutet. Dass sie nicht erkannt haben, dass es in sechs Jahren flach sein wird wie ein Stück Pappendeckel. Und dass es billiger werden wird, dass man es zum Abo wird dazuschenken müssen, wie die Telefonanbieter ihre Telefone.

Von solchen und vor allem von weiterführenden Erkenntnissen sind österreichische Medienhäuser weit entfernt. Im größten Magazinverlag des Landes starrt man ungläubig auf den Auflagenschwund des namensgebenden Flaggschiffs und weiß nicht, warum der Titel – trotz sogenannter journalistischer Innovation – immer weniger Hefte verkauft. Die Antwort ist ganz einfach: Das Magazin sieht einfach billig und hässlich aus, sein Internetauftritt ist bedeutungslos. Die Journalisten (auch jene von anderen Medien dieses Hauses) führen das richtige Leben im falschen. Und das seit Jahren. Das rächt sich.

Dabei machen andere vor, wie man Print über die Runden bringt. Etwa „Servus“, die Heimwehr des Getränkeherstellers Red Bull. Oder der Jugendfreund „Neon“ aus dem Gruner+Jahr-Verlag. Oder das Wirtschaftsmagazin „Brand Eins“. Sogar die alte Tante „Zeit“ konnte bis vor wenigen Monaten ihre Auflage kontinuierlich steigern. Print lebt? Print kann überleben? Wie das?

Ganz einfach: Print überlebt, wenn er eine Botschaft hat, die man nur gedruckt wahrnehmen will. Keiner möchte die Modestrecken der „Vogue“ digital sehen, denn nur gedruckt vermittelt die „Vogue“ jenen Luxus, der ihr Programm ist. Luxus ist aber eben auch „Brand Eins“, „Neon“ und „Servus“ – sie bieten den Luxus Freundschaft und Heimat an und damit etwas, das Tageszeitungen schon aufgrund journalistischer Einsparungen nicht mehr leisten können.

Die Tageszeitungen werden verschwinden. Alle. Auch die „Krone“. Und zwar sehr bald. Zuletzt bleibt nur mehr die Krawall-Gratispresse über. Bis keine Notwendigkeit mehr besteht, auch diese noch zu drucken. Weil dann fast jeder ein Empfangsgerät besitzt, das sich problemlos transportieren lässt. Der Sargdeckel über Print wird sich schließen, wenn digitaler Empfang von Informationen nicht mehr mit schicken Devices verbunden sein wird. Dieses Datum wird auch der Tod der Firma Apple sein.

Für die Verlagshäuser heißt das, dass sie den gleichen Weg gehen werden wie vor Jahren die Musikindustrie. Sie bleiben am Leben, doch ihre Margen schrumpfen immens. Und sie finden deswegen kaum noch Investoren, werden Liebhaberei oder kommen in den Besitz von Stiftungen, welchen die vierte, die kontrollierende und informierende Macht, ein Anliegen ist. Für die Journalisten heißt das, dass sie sich selber zunehmend zur Marke machen müssen. Und mit den Verlagshäusern Verträge über den Vertrieb abschließen, wie es gute Bands gegenwärtig mit den Resten der Musikindustrie tun. Wer heute noch glaubt, er könne nach einem abgeschlossenen Publizistikstudium (oder auch nach einer Journalistenschule) eine Fixanstellung bei einem Zeitungsverlag erhalten, der hängt einer Existenz nach, die schlicht ihr Ende gefunden hat.

Print ist tot: Das bedeutet nicht das Ende des Journalismus. Das Versagen der Verlagseliten jedoch gefährdet den Stellenwert der Medien. Einsparen kann man bei Papier und Vertrieb. Und zwar enorm. Das Gesparte kann man gut für jene verwenden, die das Rückgrat sind: die Journalisten, flexibel genug, gleich mehrere Erscheinungsformen zu bedienen. Erst wenn der Journalismus wieder einen Wert hat, kann man über ein Micropayment nachdenken. Oder eine andere Art bezahlten Inhalts. Vorher aber: Augen auf und durch. In Österreich – so scheint es mir – bleiben die Augen stets geschlossen.

Terence Lennox ist das Pseudonym des Fotografen Manfred Klimek. Er lebt und arbeitet in Berlin und ist Autor der „Welt am Sonntag“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2012)

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