"Wetten, dass ...?" mit Lanz: Nicht die Nerven verlieren!

Vieles hat funktioniert bei der Premiere von Markus Lanz als Moderator von "Wetten, dass ...?", manches nicht. Das große Problem der Show ist ungelöst.

Wetten dass Lanz Nicht
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Wetten dass Lanz Nicht
Markus Lanz mit Sylvie van der Vaart (c) Reuters

Er lässt sich von Ralf Schumacher kutschieren, von einem Klitschko-Bruder beschuhen und von der Prolo-Komik-Kunstfigur Cindy aus Marzahn begleiten. Noch bevor die Show bei "Wetten, dass ...?" am Samstagabend in Düsseldorf eigentlich beginnt, zeigt Thomas-Gottschalk-Nachfolger Markus Lanz den Kurs an, den er mit dem Unterhaltungstanker einschlagen will: Mehr Comedy-Elemente als in der Ära Gottschalk, viel Spektakel und ein bisschen menscheln soll es auch. Die Änderungen rund um Lanz sind durchaus dezent. Gleich zu Beginn wird die - drehbare - Couch mit Prominenz besetzt, jeder Promi steht Pate für einen Wettkandidaten, soll Geld für diesen erspielen. Karl Lagerfeld ist da, TV-"Barbie" Sylvie und ihr Fußballer-Ehemann, HSV-Rückkehrer Rafael van der Vaart, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, Tenor Rolando Villazon, Komiker Bülent Ceylan, Toten-Hosen-Frontmann Campino und Schauspieler Wotan Wilke Möhring.

Man hat keine Mühen gescheut, um bei Lanz' Einstand die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln: Man wartet bei den Wetten mit Nackten (Außenwette mit Campino zum Thema Bundesliga-Aufsteiger Fortuna Düsseldorf), einem Kind mit schrägen Talenten und auch einem Exoten (dem Österreicher auf dem Traktor) auf, internationaler Stargast ist Jennifer Lopez. Südtiroler Lanz ("Ich bin Moderator mit Migrationshintergrund") zittern zwar die Hände, er ist aber von Beginn an souverän.

Mit Lagerfeld an der Grenze

Lanz kann mit Politikern, Kindern, Sportlern und Normalos, nur bei Exzentrikern wie "Nuschelkönig" Karl Lagerfeld (der zwei Drittel der Sendung mit verschränkten Armen bestreitet) stößt er an seine Plaudergrenzen. Dann läuft die Show aus dem Ruder, wirkt die eigenartige Mischung aus Interviewteilen auf der Couch und Show-Elementen wie Wasser und Öl. Gut, dass Moderatorengehilfin Cindy aus Marzahn und der lustige, interessante, jüngst mit dem deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Schauspieler und Ex-Punk Möhring (viel mehr Waldorfschüler sollten nach Figuren aus Wagner-Opern benannt werden!) Rückendeckung geben.

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Lanz mit vier seiner Gäste, die Van der Vaarts, Lopez und Lagerfeld (c) AP

Amüsant: Hie und da "österreichert" Lanz. Er wünscht einen "leiwanden Abend" Richtung Alpenrepublik. Übersetzt den Kandidaten aus Östereich, der an Traktor-Akrobatik scheitert. Übrigens die mit Abstand lahmste Wette des Abends. Apropos lahm: "Was reimt sich auf Lanz?" fragte das T-Shirt von Pandamasken-Deutschrapper Cro. "Gans" ist die Antwort. Kaum Lacher im Publikum. Bei solchen lahmen Wortspielen lanzt's auch!

"Schau, das ist ein Schmetterling!"

Manches werde funktionieren, vieles danebengehen, kündigte Lanz zu Beginn an. Die dauernden Tonprobleme beispielweise sind ärgerlich, die Wetten gerade zu Beginn ein wenig hektisch. "Jetzt nur nicht die Nerven verlieren", ruft der Moderator einer der Kandidatinnen zu. Der 43-Jährige selbst beherzigt seinen Rat, lässt sich nicht aus dem Konzept bringen, beweist Humor und Spontaneität. Etwa wenn die neu hinzugekommene Challenge zwischen Moderator und Publikumskandidaten danebengeht (wer gegen/für wen und was spielt, ist bald nicht mehr klar).

Oder wenn Jennifer Lopez sich nach ihrem Musikauftritt mehr als nur ein bisschen Zeit lässt, bis sie sich unter die Couch-Gäste mischt. Macht nix. Ein Hundehaar knetender Möhring ("Schau, das ist ein Schmetterling!") entschädigt ohnehin für das oft sinnfreie Hollywoodgeplänkel. Als Lopez dann kommt, wirkt sie durchaus sympathisch. Vielleicht ist auch das eine Leistung des Moderators.

Die schönen oder zumindest interessanten Momente in "Wetten, dass ...?" sind ohnehin andere: Der dauergrimassenschneidende Rolando Villazon, der von seinem "heiligen" Brusthaar erzählt. Das schräge, fast ein bisschen gruselige Kind, das die Durchsagen der S-Bahnstationen in Berlin originalgetreu nachspricht. Die Van der Vaarts - er im Designer-Anzug, sie in High Heels und sehr kleinem Roten - auf einem Tandemfahrrad samt Wohnwagen. Oder Lanz' Gesichtsausdruck, als er die Leistung seines (ersten) Challenge-Gegners sieht, der mit umgeschnallter Bierkiste keine vier Liegestütze schafft - Lanz stemmt 30, ein Muskelpaket aus dem Publikum gar 36.

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Lanz stemmt 30 Liegestütze (c) Reuters

Problemfall Retro-Tanker

Nervös sei er, ließ Lanz im Vorfeld wissen. Ja, das sollte er auch sein. Schließlich ging es hier nicht nur um Gottschalk, es geht um eine ganze Gattung! Mit ihm und "Wetten, dass ...?" steht oder fällt die Tradition der Samstagabend-Familienshow. Die Retro-Sendung ist ein Überbleibsel aus einer untergegangenen Fernsehära, in der man noch im Kollektiv vorm Wohnzimmer-Lagerfeuer Fernsehapparat saß. Jede Änderung droht den Keim des Untergangs in sich zu tragen. Nach der ersten Show von Markus Lanz darf man prognostizieren: Der Tanker "Wetten, dass ...?" wird nicht mit dem Südtiroler untergehen. Jedenfalls nicht schneller als mit Gottschalk. In nächster Zeit darf man jedenfalls davon ausgehen, dass das Kollektiv am Samstagabend noch öfter "rumlanzelt".

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