Der deutschen Sprache geht es gut

Alles klagt über Sprachverfall. Doch die erste große empirische Untersuchung dazu zeigt: Das Deutsche ist in den vergangenen hundert Jahren viel reicher geworden.

FEATURE: OESTERREICHISCHES WOERTERBUCH
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FEATURE: OESTERREICHISCHES WOERTERBUCH – APA

Die Klage ertönt millionenfach. Immer lauter schwillt der Chor der linguistischen Wutbürger an: Um die deutsche Sprache steht es schlecht. Sie verarmt, verflacht, verfällt. Wir können uns nicht mehr ausdrücken, es gibt keine Regeln mehr, das Englische kommt über uns wie die Sintflut. Aber was ist da empirisch dran? Erstmals haben es zwei deutsche Akademien geschafft, die hoch emotionale Diskussion auf eine solide Grundlage zu stellen.

Dazu haben Computer enorme Datenmengen ausgewertet. Als Basis dienen gedruckte Texte aus drei Zeiträumen: Beginn des 20. Jahrhunderts, Nachkriegszeit und Jahrtausendwende. Die ausgewählten Textsorten sind wohl balanciert: Zeitungsartikel, Romane, wissenschaftliche Arbeiten, Gebrauchsanweisungen und Kochbücher – alles ist vertreten, nur redigiert muss es sein. Viele Ergebnisse haben auch die Forscher verblüfft. Ein zentraler Befund: In den vergangenen hundert Jahren ist der Wortschatz deutlich angewachsen. Die Zahl der Wörter ist um ein gutes Drittel gestiegen, von 3,7 auf über fünf Millionen. „Ich weiß nicht, ob man da von Verarmung sprechen kann“, knurrt Ko-Autor Wolfgang Klein, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik. Früher war eben noch keine Rede vom Fernsehen, man wurde nicht abgezockt, niemand schämte sich fremd, und es gab weder Vorsorgeuntersuchung noch Nachtfahrverbot.

 

Neue Themen, neue Wörter

Freilich sind die meisten neuen Wörter aus bekannten zusammengesetzt, nur selten gesellen sich einfache (wie „motzen“) hinzu. Die Belletristik kommt mit ähnlich kleinem Vokabular aus wie in der guten alten Zeit, den größten Zuwachs gibt es bei journalistischen Texten. Das erklärt auch das Plus im Ganzen: Es kamen einfach immer neue Themen dazu, vom Auto über den Computer bis zum Sport. Ein Phänomen kann Klein noch nicht erklären: Die Steigerung stammt zum größten Teil aus der ersten Jahrhunderthälfte, später flacht die Kurve deutlich ab.

Wesentlich weniger Wörter fallen weg. Die Droschke kommt wie auch auf der Straße seltener vor, ohne deshalb auszusterben. Sintemal, füglich oder zuvörderst gelten als antiquiert, werden aber weiter eingesetzt, um altertümliches Flair oder ironische Distanz zu vermitteln. Eine seltsame Karriere hat das Wort weiland, das einer schwankenden Konjunktur unterworfen ist und seit den 1960er-Jahren – auch dank „Zeit“-Redakteuren – ein fulminantes Comeback erlebt.

Womit wir bei den Anglizismen wären, die angeblich so schrecklich überhandnehmen. Sie wurden schon untersucht, aber nur in speziellen Ausschnitten wie der Werbesprache oder einzelnen modischen Medien. Legt man aber das repräsentative Gesamtkorpus zugrunde, sieht die Sache weniger dramatisch aus: Die Zahl der Anglizismen hat sich seit der Zeit von Sir, Miss und Sergeant zwar grob verzehnfacht. Aber die Basis war sehr gering: Statt 0,04 Prozent der Wörter im laufenden Text sind es nun 0,38 Prozent (anschaulicher: Bei Seiten mit 400 Wörtern kam früher auf jeder sechsten Seite ein Anglizismus vor, heute sind es 1,5 pro Seite). Zudem „assimilieren“ wir weitaus die meisten Übernahmen. So werden entlehnte Verben (wie „grillen“) nach den Regeln der deutschen Grammatik dekliniert.

Die bleibt auch sonst weit stabiler als der Wortschatz. Der Genitiv und starke Verformen („Wenn er einen Kuchen büke...“) hatten schon vor 100 Jahren einen schweren Stand. Dass seither das Endungs-„e“ beim Dativ wegbröckelt, erscheint wenig spektakulär. Zudem weist Klein darauf hin, dass die Grammatik in vielen Kultursprachen immer einfacher wird – an Ausdruckskraft verlören sie dadurch kaum, viel wichtiger sei, dass der Wortschatz wachse. Freilich, dass es viele Wörter gibt, heißt nicht, dass sie auch verwendet werden: „Es reicht nicht, einen Bösendorfer in der Stube zu haben, man muss ihn auch spielen können.“

 

„Kein Grund zu verzagen“

Darin steckt ein Einwand gegen das ganze Projekt: Wenn der mündliche Sprachgebrauch und „urwüchsiges“ Schreiben in Onlineforen oder SMS nicht erfasst werden (können), forscht man dann nicht am Problem vorbei? Nein, sagen die Wissenschaftler, für die das gedruckte Standarddeutsch der leitende Maßstab bleibt. „Die These, dass der durchschnittliche Deutsche heute einen geringeren Wortschatz habe als sein Großvater, ist gewagt und wahrscheinlich falsch“, sagt Sprachforscher Peter Eisenberg.

„Das deutsche Volk konnte noch nie so gut schreiben“, die Zahl der Maturanten ist deutlich gestiegen. Auch wenn Thomas Mann eine reichere Sprache einsetzte als führende Literaten unserer Tage: „Was den Durchschnitt angeht, gibt es keinen Grund zu verzagen.“ Das steht bewusst quer zur Sprachkritik, nach der „das Deutsche seit dem 16. Jahrhundert schon drei Mal an Fremdwörtern gestorben sein müsste“. Hier liege auch der tiefere Sinn des Projekts: „Wir wollen dazu beitragen, dass nicht jeder ungestraft jeden Unsinn über den Verfall der deutschen Sprache in die Welt setzen kann.“

Auf einen Blick

Der „Bericht zur Lage der deutschen Sprache“ ist ein gemeinsames Projekt der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der deutschen Akademien der Wissenschaften, zum Teil finanziert durch die Thyssen-Stiftung. Der ausgewertete, digital vorliegende Kernkorpus umfasst je zehn Millionen Textwörter in drei Zeiträumen. Die Ergebnisse wurden hochgerechnet und dann zur Kontrolle mit anderen Korpora (Zeitungen, Wikipedia) verglichen, bei denen die Wortanzahl in die Milliarden geht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2013)

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