"Wer wird Millionär?": Gegner wurde zum Partner

Pokerprofi Sebastian Langrock ist der achte Sieger bei "Wer wird Millionär?". Im Interview spricht er über seine Vorbereitung auf die Show und verrät, wie er Günther Jauch verunsicherte.

wird Millionaer Gegner wurde
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Langrock Jauch – (c) RTL

Am Ende blieb sogar noch ein Joker übrig. Sebastian Langrock musste nicht einmal die vier Antwortmöglichkeiten abwarten, um die Millionenfrage richtig zu beantworten. Erst wenige Tage zuvor hatte er in einem Buch über unnützes Wissen gelesen, welche Berufsgruppe sich mit der „Zwanzig nach vier“-Stellung auskennt. Das Buch war ein Geschenk von seinem besten Freund. Der wiederum war vor einem halben Jahr selbst Kandidat bei Günther Jauch. Für Langrock der Startschuss für seine „Mission Million“, die er generalstabsmäßig geplant hat.

Ihr Triumph ist jetzt drei Wochen her. Wurde die Million schon überwiesen?

Sebastian Langrock: Ja, ein paar Tage nach der Ausstrahlung der Sendung war das Geld auf meinem Konto. Laut Regularien kann die Auszahlung bis zu drei Wochen dauern, aber da man bei RTL wohl davon ausgegangen ist, dass mir diese Frage schon bald gestellt wird, hat man mir den Gewinn ziemlich schnell überwiesen.

 

Bei der Millionenfrage haben Sie auf Ihren Telefonjoker verzichtet. Wieso? Eine zweite Meinung hätte doch nicht geschadet?

Vielleicht schon. Ich kannte ja die Antwort. Also warum soll ich mich von jemandem verunsichern lassen, der vielleicht keine Ahnung hat?

 

Gegen Ende der Sendung gab es eine bemerkenswerte Szene. Sie haben Günther Jauch sichtlich verunsichert, als Sie ihm sagten, Sie würden in seinem Gesicht lesen.

Genau das war meine Absicht. Plötzlich haben alle ihn beobachtet, im Fokus stand nicht mehr ich, sondern er. Dadurch lastete weniger Druck auf mir.

 

Dann war das nur ein Bluff? Sie haben seine Mimik und Gestik gar nicht gedeutet?

Nein, denn bei Günther Jauch ist das fast unmöglich. Er ist ein absoluter Profi. Ich habe mich aber sehr wohl auf die Situation im Studio vorbereitet und Jauch sowie seine Kandidaten im Vorfeld genau studiert.

 

Wie sah dieses Studium aus?

Angefangen habe ich vor rund einem halben Jahr, als mein bester Freund und WG-Mitbewohner ebenfalls Kandidat bei „Wer wird Millionär?“ war. Im Laufe der Monate ist mir aufgefallen, dass Jauch Kandidaten, die ihm sympathisch sind und die er länger in der Sendung haben will, unterstützt, indem er sie nicht unnötig verunsichert. Kandidaten hingegen, die er nicht besonders mag und die er rauskicken will, schwatzt er oft relativ früh Joker auf – obwohl sie sich eigentlich sicher sind und auch er selbst weiß, dass die Antwort stimmt.

 

Dann war Jauchs Sympathie Ihnen gegenüber der Schlüssel zum Erfolg? Sie haben alles daran gesetzt, dass er Sie mag?

Genau, das war mein Ziel. Dazu muss man Jauch kennen und verstehen. Er ist ein sehr konservativer, korrekter Typ, der viel Wert auf Umgangsformen legt. Ein Beispiel: Obwohl er mit Sportkommentator Marcel Reif sehr gut befreundet ist, hat es Jahre gedauert, bis sie per Du waren. Zudem ist er ein Perfektionist und immer Chef der Lage. Einer solchen Persönlichkeit musst du sehr bedacht begegnen.

 

Nämlich wie?

Mein Kumpel ist damals unrasiert und mit kurzer Hose in die Sendung gegangen, was bei Jauch gar nicht gut ankam. Er sprach das sogar an. Man sollte ihm respektvoll begegnen. Nicht devot, aber bescheiden, gepflegt und seriös.

So kalkulierend sind Sie an die Sendung herangegangen?

Natürlich. Das war Teil meiner Strategie. Um die Körpersprache von jemandem zu deuten, wäre es natürlich einfacher, wenn man ihn privat kennt und weiß, wie er sich in einer normalen, alltäglichen Situation verhält. Aber bei Jauch war das nicht möglich, daher habe ich es auf diese Weise versucht.

Inwiefern hätte es Ihnen geholfen, Jauch privat zu kennen?

Das Zauberwort heißt Vergleich. Bei Pokerturnieren achte ich sehr genau darauf, wie sich meine Gegner in den Pausen verhalten. Denn wenn ich ihre Körpersprache in einer entspannten Atmosphäre kenne, kann ich sie mit der im Wettkampf in einer Stresssituation vergleichen und Rückschlüsse ziehen.

Zum Beispiel?

Jemand trinkt in einer Pause einen Kaffee und unterhält sich mit seiner Freundin. Eine vertraute, angenehme Situation. Ich achte auf seine Stimme, seinen Sitz, auf Gestik und Mimik. Spricht er besonders laut oder leise, sitzt er gebückt oder aufrecht? Unterscheidet sich seine Körpersprache von jener beim Pokern, kann ich davon ausgehen, dass er aufgeregt ist. Etwa bei einem Bluff.

Aber wie unterscheidet man, ob jemand wegen eines guten Blattes nervös ist oder wegen eines bevorstehenden Bluffs?

Das zu entschlüsseln ist die große Kunst. Denn natürlich kennen Pokerspieler diese Tricks und können sie faken. Wichtig ist, alle Kommunikationsmittel zu berücksichtigen und darauf zu achten, ob sie einander widersprechen. Ob also jemand beispielsweise verbal in Angriff übergeht, seine Körpersprache aber ein Abwehrverhalten symbolisiert – etwa durch verschränkte Arme.

Wann war Ihnen klar, dass Sie Jauch „geknackt“ haben – dass er Sie mag?

Nach der 16.000-Euro-Frage war die erste Sendung vorbei und wir hatten eine kurze Pause, ehe es weiterging. Da ist er zu mir gekommen und hat gesagt, dass ich das großartig mache und mir damit zu verstehen gegeben, dass er mich mag. Ab dann war ich mir sicher, dass er mir keine Steine in den Weg legen wird und eine richtig gute Sendung machen will. So war es dann auch. Aus meinem Gegner wurde mein Partner.

Haben Sie schon daran gedacht, Ihre Fähigkeiten professionell zu nutzen und Kandidaten auf Quizshows vorzubereiten?

Nein, aber mein Kumpel hat das tatsächlich vor.

Wann schreiben Sie ein Buch über Ihren Weg zur Million?

Erst einmal werde ich viel reisen und bei großen Pokerturnieren mitmachen. Wenn meine Pläne aufgehen und ich aus einer Million zwei oder noch mehr gemacht habe, legitimiert mich das auch, ein Buch zu schreiben.

Steckbrief

1977
wurde Sebastian Langrock in Leipzig geboren. 1989 zog er nach München, wo er mittlerweile in einer WG mit vier weiteren Bewohnern lebt. Nach seinem Abitur begann er ein Pädagogikstudium, das er nicht abschloss.

2012
wurde er zum professionellen Pokerspieler. Zuvor pokerte er jahrelang semiprofessionell und arbeitete an zwei Tagen in der Woche in einer Bar. Langrock ist ledig, als seine Hobbys nennt er Snooker und „alle möglichen Competitions bei uns in der WG“.

2013
gewinnt er Anfang März bei Günther Jauchs TV-Quiz „Wer wird Millionär?“ eine Million Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2013)

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