Aus für Wettlesen: „Ist da einer aufgewacht im ORF?“

Die Kritik an Kürzungen der ORF-Kultur ab 2014 reißt nicht ab. Das steigert das Interesse am diesjährigen Bachmann-Preis.

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Besuchen Sie uns, solange wir noch da sind. So oder so ähnlich könnte ein Slogan der ORF-Führungsriege lauten, wenn sie heute in Wien ihren „Kultursommer in allen ORF-Medien“ präsentiert. Der Zeitpunkt ist geschickt gewählt: Seit Tagen wird heftig über die mögliche Streichung von Kulturveranstaltungen wie dem Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt oder populären Events wie der „Starnacht“ diskutiert. Die Empörung über das „ORF-Streichkonzert“ wirkt wie bestellt. Sie könnte der Politik klarmachen, was es bedeutet, wenn sie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ab 2014 nicht wie bisher jährlich 30 bis 50 Millionen Euro für jene Haushalte zuschießt, die keine Rundfunkgebühren bezahlen müssen.

Am lautesten ist der Protest beim Bachmann-Preis, vielleicht auch weil er in zehn Tagen zum 37. Mal im ORF-Landesstudio Klagenfurt über die Bühne geht. Dem ORF gelingt damit ein kleines Kunststück, diskutiert man doch die Absetzung einer Sendung, die bisher weder im ORF-Hauptprogramm noch im Kultursender ORFIII zu sehen war. Nur 3sat überträgt die drei Lesetage und die Preisverleihung am 7. Juli, Kritiker sehen das mögliche Aus daher als beginnenden Rückzug aus dem Gemeinschaftsprogramm. Den ORF kostet das Lesefest 350.000 Euro jährlich – eine Summe, die Landesdirektorin Karin Bernhard nicht mehr ausgeben will, wenn sie 2014 eine Million Euro sparen muss. Spätestens hier schiebt die Kärntner ORF-Chefin, ähnlich wie ihre Wiener Direktorenkollegen, gern den Satz ein: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Gemeint ist die Hoffnung auf die Staatsmillionen nach der Nationalratswahl.

 

Das Ende für „Trance-TV“?

Auch das deutsche Feuilleton diskutiert das mögliche Aus des Bachmann-Preises: In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ schreiben Claudius Seidl und Volker Weidermann ein Pro und Kontra zum Bewerb, doch die lesen sich wie zwei Mal Kontra. Seidl nennt das Wettlesen „die Schwundstufe zur Gruppe 47“ und beklagt, dass die Juroren seit Jahren „ein bisschen brav, bisschen wichtigtuerisch und absolut unaufregend sind“. Weidermann fragt: „Die stellen jetzt echt Trance-TV ein? Ist da einer aufgewacht im ORF?“ Die „Welt“ erinnerte daran, wie lange schon diskutiert werde, ob Klagenfurt noch zeitgemäß ist.

 

Naturgemäß irritiert gibt sich Bachmann-Jurorin Daniela Strigl: „Das ist ein erster Schritt zu griechischen Zuständen.“ Für Olga Martynova, Preisträgerin aus dem Vorjahr, wäre eine Einstellung „eine Schande, eine Katastrophe“. Erste – positive – Folgen der Debatte spürt das Bachmann-Büro in Klagenfurt. So viele Anmeldungen wie heuer habe es lange nicht gegeben. „Jetzt wollen alle noch einmal kommen.“ Und auch die Politik reagiert wie bestellt: Kulturministerin Schmied nannte eine mögliche Einstellung „sehr bedauerlich“. awa

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2013)

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