Als Chefs noch Chefs und keine Direktoren waren

Thomas Chorherr über seinen Chef Fritz Molden, den Tycoon, der ein echtes Zeitungsimperium besaß, der Otto Schulmeister entließ, letztlich seine Zeitung und das »Pressehaus« verkaufen musste - aber nicht aufgab und immer seinem Land diente.

Es war Österreichs Jahr des Heils, Annus Austriacus Mirabilis, als er mich zur „Presse“ holte. Am 1.Februar 1955 wurde ich Lokalredakteur, und mein Herausgeber war Fritz Molden. Seinen Vater Ernst habe ich nicht gekannt, dessen Sohn im Lauf der Zeit aber umso besser, bis uns eine echte Freundschaft verband. Fritz Molden, der Tycoon. Der Mann, der eine Zeit lang ein echtes Zeitungsimperium besaß – für österreichische Verhältnisse jedenfalls.

Annus Mirabilis. Das Jahr des Staatsvertrags. Molden ließ am 15.Mai 1955 die erste Seite der „Presse“ mit einem rot-weiß-roten Rahmen versehen: Österreichs Zukunft hat begonnen. Er war ein Österreicher, wie ich mir einen solchen immer vorstellte. Er liebte dieses Land – umso mehr, als er ihm unter Lebensgefahr gedient hatte. Er war der unbestrittene Chef. Wenn man ihn „Herr Direktor“ nannte, wurde er böse. „Ich heiße Molden. Ich bin kein Direktor, ich beschäftige solche“, sagte er. Allein, Fritz (seit ich Chefredakteur war, durfte ich ihn so nennen) war nicht eingebildet. Er war auch nicht hochmütig, er wusste nur, was ging und was nicht. Als er während eines Urlaubs in Kärnten erfuhr, dass Otto Schulmeister, mein Vorgänger als „Presse“-Chef, eine Unterschriftensammlung gegen einen von Molden engagierten Kolumnisten organisiert hatte, kehrte er unverzüglich zurück und entließ ihn. Pikanterie am Rande: Kurze Zeit später musste er die Zeitung, seine Zeitung, verkaufen. Chefredakteur wurde: Otto Schulmeister.

Es war die Zeit, da wir Fritz Molden wieder einmal bewunderten. Ich habe es getan, als er im „Zeitungskrieg“ nicht aufgab: Moldens „Bild-Telegraf“ kontra „Bildtelegramm“. Ich habe es getan, als er das, sein „Pressehaus“ – wer weiß noch, dass seine „Presse“ dem Gebäude am Donaukanal in Döbling den Namen gab? – schließlich verkaufen musste. Ich habe ihn bewundert, als er zusammen mit Gerd Bacher den Molden-Verlag aus dem Boden stampfte. Ich habe ihn noch mehr bewundert, als er seine schließliche Pleite sogar literarisch manifestierte: „Der Konkurs“ hieß das Buch.

Fritz Molden mag seinerzeit auf großem, vielleicht eine Zeit lang auf allzu großem Fuß gelebt haben. Aber allein, wie er sich aus eigener Kraft und Klugheit stets wieder emporarbeitete, machte ihn einer Eintragung in jenes österreichische Heldenbuch würdig, das nur jenen keinen Platz bietet, die von Parteien hinaufgespült wurden. Er war kein „Mann für alle Jahreszeiten“. Für ihn war Österreich, wie es Grillparzer formulierte, „ein gutes Land“, dem er sogar im Untergrund zu dienen bereit war, als es dieses Land nicht gab. Ich habe ihn als Herausgeber und als politischen Kopf geschätzt. Ich halte ihn auch für einen Historiker – der sein eigenes Leben mit der Brille der Distanz betrachtet. Dass seine Mutter, Paula von Preradović, den Text der Bundeshymne geschaffen hat, mag seinen Lebensweg vorgezeichnet haben. Dass dies einer auf rot-weiß-roten Spuren war, hat Fritz Molden nicht zuletzt als Präsident der Auslandsösterreicher bewiesen. Und dass er zu Felde zog, als Kurt Waldheim international verfemt schien – auch das war ein Beweis seiner Heimatliebe.

Die letzten Jahre hat er mit seiner Hannerl in seinem Haus in Alpbach verbracht, das er von Arthur Köstler übernommen hatte. Er empfing Freunde, auch ich war darunter, er las viel. Er war eben ein Journalist. Einer vom alten Schlag. Er wird, dessen bin ich mir sicher, auch im Himmel die „Presse“ abonniert haben. Und er wird – nehmt alles nur in allem – zufrieden sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2014)

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