Sky-Programmchef: "Ich glaube an klassisches Fernsehen"

Gary Davey über Harald Schmidts Abschied, Pläne für eigene Serien und den baldigen Deutschland-Start der Online-Videothek Netflix, die "House of Cards" hier nicht zeigen darf.

Sky-Programmchef Gary Davey
Sky-Programmchef Gary Davey
Sky-Programmchef Gary Davey – (c) Die Presse (Stanislav Jenis)

Die Presse: Als Sie 2012 Harald Schmidt zu Sky geholt haben, gab es dafür viel Lob. Am 13. März geht "Die Harald Schmidt Show" nun in die letzte Staffel. Wieso wurde sein Vertrag nicht verlängert?
 
Gary Davey:
Wir haben das gemeinsam entschieden. Harald ist ein brillanter Entertainer und Vollprofi. Wir sind weiterhin Freunde, und ich würde mich freuen, mit Harald in Zukunft in anderen Projekten zusammenzuarbeiten.
 
In der Presseaussendung wurde seine Reaktion auf das Ende der Show lediglich mit "Okay" zitiert.
 
Er ist berühmt für diese Ein-Satz-Zitate. Er versteht das. Wir haben darüber viel geredet, schon ganz am Anfang. Wir wussten: Das ist ein Experiment und wir wissen nicht, wohin das führt. Wir wussten, dass es irgendwann ein Ende geben würde.
 
Haben die Zuschauerzahlen bei dieser Entscheidung eine Rolle gespielt?
 
Nein, haben sie nicht.
 
Kevin Spacey, Hauptdarsteller der Politthriller-Serie "House of Cards", sagte vor Kurzem: "Eine goldene Ära des Fernsehens hat begonnen." Der Trend geht vom klassischen, linearen Fernsehen hin in Richtung Video-On-Demand-Angebote auf TVtheken. Wie gehen Sie damit um?
 
Wir versuchen, die Balance zwischen linearem Fernsehen und On-Demand-Funktionen zu halten. Wir machen traditionelle lineare TV-Kanäle verfügbar, auch mobil, und das auf hohem qualitativen Niveau. Und wir treffen subtile Entscheidungen. Ich habe vor einiger Zeit entschieden, dass unser Fokus weder auf Reality-Fernsehen noch auf Game-Shows oder Talent-Shows liegen wird. Es gibt daran nichts auszusetzen, aber das gehört ins Free-TV. Unser Favorit ist das einstündige Format ­ - am liebsten Scripted Prime-Time-Drama.
 
Wird klassisches Fernsehen langfristig von On-Demand-Angeboten abgelöst?
 
Ich glaube stark an lineares Fernsehen. Es gibt immer noch viele Menschen, die diese gemeinsame Erfahrung schätzen, etwas live und zusammen zu sehen. Befeuert wird das durch Social Media.
 
Wie beim "Tatort", über den viele twittern.
 
Der ist zeitkritisch. Den muss man live sehen, um mitreden zu können. Als ich mit Fernsehen angefangen habe, haben wir uns immer gefragt: Was ist der Watercooler-Moment? Wenn sich die Leute im Büro Montagfrüh beim Wasserspender treffen und einer fragt: "Habt ihr diese Sache im Fernsehen gesehen?" - das ist ein Watercooler-Moment. Hat jemand eine Sendung entwickelt und sie hatte diesen Moment nicht, wurde sie nicht verwirklicht. Heute ist der Watercooler Social Media. Und er wartet nicht auf Montag. Social Media bewahrt Fernsehen für jüngere Menschen.
Ich glaube, linear wird immer da sein. Aber wir müssen es wie ein Live-Event behandeln. Wir müssen Fernsehen promoten und vermarkten, als wäre es ein Fußball-Spiel.
 
Sie sagten, Sie konzentrieren sich auf Dramaserien. Wie hat sich dieser Fokus in den vergangenen Jahren verändert?
 
Dramatisch. Der Führende in dieser Sparte, HBO, hat extrem erfolgreiche Formate produziert und damit bewiesen, dass es einen Markt gibt für harte, ausgefallene, andersartige TV-Serien, die nicht von Quoten abhängig sind. Free-TV - egal ob öffentlich-rechtliche Sender oder private - muss sich durch Quoten rechtfertigen. Dadurch werden sie in einen Massenmarkt gedrängt. Unser Erfolg lässt sich nicht an Quoten ablesen. Genaugenommen sehen wir uns die Quoten nur an, um zu sehen, wohin die Richtung geht. Free-TV kann sich nicht erlauben, nur mittelmäßig erfolgreich zu sein. Alles muss ein Hit sein.
 
Im Privatfernsehen vielleicht, das gilt aber nicht für das öffentlich-rechtliche Fernsehen.
 
Ich beobachte das auf der ganzen Welt, wie die Politik Druck auf Öffentlich-Rechtliche ausübt und sie zwingt, sich für die Gebühren zu rechtfertigen. Quoten sind dafür der gängigste Referenzpunkt. Es ist die einzige Methode, Erfolg quantifizieren zu können. Ich mag Quoten, schaue sie mir jeden Tag an, aber sie diktieren nicht, was wir machen. Manchmal wissen wir auch nicht, wie unser Programm angenommen wird.
 
Die US-Online-Videothek Netflix ist unter die Produzenten gegangen und hat auch die gesamte erste Staffel ihrer ersten eigenen Serie "House of Cards" gleichzeitig veröffentlicht.
 
Wir werden das mit der zweiten Staffel auch tun und alle 13 Folgen über Sky Go bereitstellen. Genau zum gleichen Zeitpunkt. Wir haben das bereits im Herbst mit "The White Queen" realisert - als Generalprobe für "House of Cards". Unsere Erfahrung: Binge viewing (das Schauen von mehreren Folgen oder Staffeln einer Serie am Stück, Anm.) funktioniert am besten an einem verregneten Samstag. Ich hoffe also auf einen späten Winter.
 
Inhalte fast zeitgleich zu den USA zu zeigen, ist auch eine Strategie gegen illegale Downloads und Online-Piraterie. Funktioniert das?
 
Sie sind die erste, die mich das fragt. Das können wir nicht beweisen. Damit begonnen haben wir vor zwei Jahren mit "The Newsroom". Wenige Tage nach den ersten Screenings sind Blogs aufgetaucht, in denen sich deutsche Jugendliche darüber austauschten, wie man an einen illegalen Download kommen könnte, wenn das Ding startet. Das hat mich irritiert. Also habe ich mit den Leuten von HBO gesprochen und sie gebeten, mir die Folge in der Woche vor der Premiere zu schicken und ihnen versprochen, gut darauf aufzupassen, bis sie ihre Ausstrahlung beendet haben. Um acht Uhr Münchner Zeit am Montagmorgen hatten wir die Folge draußen. Im Internet - und da gibt es selten positives Feedback - sind Kommentare aufgetaucht: „Was machen die? Das ist interessant."
 
Bei "Game of Thrones" haben Sie dasselbe gemacht. Die erste Folge von Staffel drei war trotzdem die am häufigsten illegal heruntergeladene in der Geschichte.
 
Daten für Österreich habe ich nicht, aber Deutschland wäre normalerweise unter den Top drei oder vier weltweit bei den illegalen Downloads. In diesem Fall ist Deutschland nicht in den Top zwanzig aufgetaucht. Wir haben etwas bewirkt, auch wenn ich das nicht messen kann.
 
Netflix hat angekündigt, dass sie nach Europa expandieren wollen. Die Konkurrenz wird also härter.
 
Wir rechnen damit, dass Netflix bald hier sein wird. Aber das ist nicht schlecht. Wir haben Konkurrenz immer begrüßt. In Deutschland und Österreich haben immer noch über dreißig Millionen Haushalte kein Pay-TV. Wenn Netflix kommt, werden sie jede Menge Geld für Marketing ausgeben. Netflix ist eine Videothek und hat älteres Programm. Wir haben das aktuelle Programm und haben vor, dass das so bleibt. Heuer werden achtzig neue Serien oder neue Staffeln von Serien bei uns Premiere haben. Und wir besitzen eine ihrer wichtigsten Serien, "House of Cards".
 
Also darf Netflix "House of Cards" in Deutschland nicht zeigen?
 
Nein. Vielleicht in ein paar Jahren, aber nicht in absehbarer Zeit.
 
Planen Sie, selbst eine Serie zu produzieren?
 
Ja. Wir haben unsere erste kleine internationale Ko-Produktion bereits angekündigt. Sie heißt "The Hundred Code". Die Geschichte beginnt in New York, wo ein Polizist eine Reihe von Serienmorden untersucht. Plötzlich hören die Morde auf. Der Polizist ist irritiert, denn er hat mit weiteren Morden gerechnet. Später erhält er einen Anruf von Interpol: Irgendwo in Skandinavien gibt es drei Mordfälle, die exakt so aussehen wie die Morde in New York. Dann reist er nach Skandinavien und jagt den Serienmörder durch Europa.
 
Wann können wir sie sehen?
 
2015. Heuer im Sommer beginnen die Dreharbeiten. Wir hoffen, es wird eine zweite Staffel geben.
 
Das klingt nach einem großen Projekt, nicht nach einer kleinen Ko-Produktion.
 
Im Laufe des Jahres verraten wir, was wir noch planen. Langfristig werden wir voraussichtlich auch deutschsprachiges Drama produzieren.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat jüngst kritisiert, dass es so viele gute Serien über Verbrechen im Fernsehen gibt, über Psychopathen und Serienmörder, aber keine Familien-Dramaserien.
 
Das ist die Frage nach dem Ei und der Henne. Manche sagen: Es muss Krimi sein, weil Krimi funktioniert. Der Grund, wieso das funktioniert, ist aber: Es gibt nur Krimi. Ein Teufelskreis. Es gibt da einen großen, unerforschten Bereich außerhalb des Verbrechergenres. Den schauen wir uns an.
 
Welche ist aktuell Ihre Lieblingsserie?
 
"Game of Thrones" - mit großem Abstand.
 
Haben Sie die Bücher gelesen?
 
Ich habe sie daheim, aber ich bringe mich nicht dazu, sie zu lesen. Ich mag auch "Breaking Bad", "Boardwalk Empire" und "True Detective", die neu gestartet ist. Es ist sehr mutig, was die machen.

Zuer Person

Gary Davey (geboren 1954) ist seit Juni 2011 Programmchef bei Sky Deutschland. Der Australier ist seit mehr als für verschiedene TV-Sender tätig. Den größten Teil davon arbeitete er für den Sky-Mutterkonzern News Corporation, der Rupert Murdoch gehört. Davey hat für Murdoch in England das Rundfunk-Unternehmen BSkyB aufgebaut, war für die News Corporation in Hongkong, Mailand, New York und London im Einsatz.

„Die Presse" wurde von Sky zum Interview in Berlin eingeladen.

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