Der Zwist zwischen Ö3 und Austropop schwelt seit 20 Jahren

Eine Ö3-Mitarbeiterin hat sich despektierlich über österreichische Popmusik geäußert. Das legt einen alten Konflikt wieder einmal offen: Heimische Popmusiker fühlen sich vom „Hitradio“ des ORF vernachlässigt.

(C) Wikipedia/ Karl-Heinz Wellmann

„Ich glaub, Ö3 erlebt gerade den ersten Shitstorm seiner Geschichte. Nicht unberechtigt“, twitterte Walter Gröbchen. „Aus manchen Dingen kann man aber echt nur ein Shitstormerl produzieren, wenn einem sehr, sehr fad ist“, replizierte Armin Wolf. Usw.

Dass sich die beiden emsigen Twitterer gestern dieses freundliche Schaukampferl geliefert haben, hat gewiss auch mit ihrer Profession zu tun: Armin Wolf ist Repräsentant des ORF, Walter Gröbchen betreibt das heimische Plattenlabel Monkey und ist seit gut drei Jahrzehnten einer der wichtigsten Chronisten und Wortführer der österreichischen Popmusik, die man auf eigene Gefahr auch Austropop nennen darf. Und der ORF-Mainstream-Sender Ö3 und der Austropop liegen seit Jahrzehnten im Clinch.

Dieser wurde nun durch ein Interview der Ö3-Moderatorin Elke Lichtenegger im TV-Sender Okto akut. Sie erzählte, dass sie die US-Band Imagine Dragons irrtümlicherweise für eine „österreichische, vollkommen unbekannte Band“ gehalten habe, „die versuchte, uns ein Lied zu verkaufen, das wir aber nicht wollen, weil es wahrscheinlich ganz schlecht ist“. Das klang nicht gerade nach einer vorurteilsfreien Haltung gegenüber der österreichischen Popmusik, und so kam es – nach Vervielfachung durch ein YouTube-Video – zu besagtem Shitstorm, also zu konzentrierter Aufregung in den sozialen Medien.

Dabei versuchte Ö3-Chef Georg Spatt schnell zu kalmieren. Am Dienstag entschuldigte er sich auf der offiziellen Facebook-Seite von Ö3 für die „in diesem Interview augenscheinliche Gedanken- und Respektlosigkeit“, diese entspreche nicht der „Einstellung“ des Radiosenders. Er verstehe den Ärger und die Entrüstung; selbstverständlich sei ihm „die kritische Einstellung vieler Interessierter zum Thema ,Österreichische Musik‘ im Zusammenhang mit Ö3 bekannt“; die Diskussion müsse fortgeführt werden.

So gesprächsbereit Spatt sich gibt, so wenig sanft äußerte sich einst sein Vorgänger als Ö3-Chef, Bogdan Roščić, über Austropop. Roščić, heute bei Sony Classical, baute Ö3 ab 1993 als Musikchef, ab 1996 als Senderchef dezidiert zum möglichst glatten, von störenden Inseln wie der „Musicbox“ befreiten Formatradio um. Mit einem Auftrag: den am Start stehenden Privatradios gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dabei machte er sehr bald klar, dass der klassische Austropop– Ambros, Fendrich, Werger und Co. – keine angestammten Rechte mehr darauf habe, in Ö3 gespielt zu werden. Die Empörung war groß, Roščić blieb Feindfigur des Austropop, bis er 2002 als Ö3-Chef von Spatt abgelöst wurde.

 

In Frankreich gibt es längst eine Quote

Auch wenn dieser einfühlsamer im Ton war, die Vorwürfe blieben. Und die Forderung nach festgeschriebenen Quoten für österreichische Popmusik kehrte und kehrt immer wieder; ein mögliches Vorbild ist Frankreich: Dort müssen alle Radios (nicht nur die staatlichen!) seit 1994 mindestens 60 Prozent der Sendezeit mit Produktionen europäischer Künstler und 40 Prozent mit den Produktionen französischer Interpreten füllen. Ein Einwand gegen eine solche Regelung kommt oft: Eine solche Vorschrift könnte die Rolle von Ö3 als Cashcow gefährden, die Werbegeld für die ORF-Radios bringt, die dem Kulturauftrag tatsächlich folgen, also Ö1 und FM4. Das liegt daran, dass österreichischer Pop im breiten Mainstream deutlich schwächer als in den Sparten ist, die man einst „Independent“ genannt hat und heute gern als „Alternative Mainstream“ bezeichnet: Acts wie Ja, Panik, Kreisky oder Soap & Skin sind etwa in Deutschland nicht nur geachtet, sondern auch erfolgreich; und sie werden auf FM4 – wo man auch mit Formaten wie „Soundpark“ den Nachwuchs fördert – mit der größten Selbstverständlichkeit gespielt.

Würde man die Musik auf Ö3 nur nach Verkaufserfolg auswählen, müsste man freilich sehr viel volkstümliche Musik spielen, die sich in Österreich ja am besten verkauft, und davon ist auf Ö3 nichts zu hören. Das würde auch das Format „Contemporary Hit Radio“, dem sich der Sender verschrieben hat, sprengen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2014)

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