Fernsehen: Kinder machen Quote

Der ORF setzt im Herbst auf den Nachwuchs: „Dreizehn“ testet Wissen, „Kiddy Contest“ die Stimme.

Wer ist hier der Chef? Spitzenkoch Sepp Schellhorn und Moderator Peter Tichatschek haben ''Frisch gekocht'': ''Wir Erwachsenen waren Handlanger''
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(c) ORF

An der Geburtenrate lässt sich das zwar nicht unbedingt ablesen – im Fernsehen ist es aber eine Tatsache: Kinder liegen hoch im Kurs. Immer häufiger ist der Nachwuchs vor der Kamera zu sehen und sorgt dort für gute Quoten. In Deutschland versuchen gleich drei Sender, mit Hilfe von Junioren dem verstaubten Genre der Quizsendungen einen frischen Anstrich zu verpassen.

Nachdem sich der Erfolg der amerikanischen Show „Are you smarter than a 5th grader?“ herumgesprochen hatte, zog die ARD mit Publikumsliebling Jörg Pilawa nach, der in „Der große Schultest“ bei Kindern und Erwachsenen Pennälerwissen abfragte. Im Juli folgte Sat.1 mit „Das weiß doch jedes Kind“ mit der Kabarettistin Cordula Stratmann in der Rolle der Lehrerin. Im Herbst bringt nun auch RTL sein eigenes Kinder-versus-Erwachsene-Quiz auf die Bildschirme: „Setzen, sechs!“, präsentiert von Deutschlands omnipräsentem Bildungsbürger Günther Jauch.


„Dreizehn“ mit Zabine und Bernardin

Ebenfalls im Herbst, nämlich ab 28.September, zeigt der ORF ein ähnliches, aber – wie Unterhaltungschef Edgar Böhm betont – nicht kopiertes, sondern eigenentwickeltes Format namens „Dreizehn“. Unter der Moderation von Christian Clerici messen sich in der Österreich-Ausgabe zwei Teams aus 13-Jährigen und Prominenten im Schülerwissen. Auf der Promi-Seite werden die ehemaligen „Dancing Stars“ Stefano Bernardin und Zabine Kapfinger ins Rennen geschickt. Bernardin musste schon vor einem Jahr die Schulbank drücken. In „Nie mehr Schule“ ließ der ORF Gerold Rudle das Wissen von mehr oder minder berühmten Österreichern – damals noch ohne Nachwuchs-Unterstützung – abtesten.

Dass es heuer „in“ ist, Kinder ins Fernsehen zu holen, ist für den ORF-Unterhaltungschef nicht überraschend. „Solche Quizsendungen, in denen Kinder und Erwachsene gegeneinander antreten, sind ja nicht neu. Sie kommen wellenartig immer wieder hoch.“ Dass und weshalb Kinder beim Publikum beliebt sind, liegt für Böhm auf der Hand: „Sie sind enorm authentisch und uneitel – zumindest bevor die Pubertät einsetzt. Für das Fernsehen ist es das Erfolgsrezept schlechthin, so zu sein, wie man ist“, erklärte Böhm. Erwachsene würden hingegen oft versuchen, erotisch, gescheit oder witzig zu sein – „und das ist meistens aufgesetzt und lächerlich“, urteilt der Unterhaltungschef. Gute Erfahrungen mit Kindern im Hauptabend hat der ORF bereits mit der „Junior-Millionenshow“ gesammelt, die regelmäßig Topquoten einfährt.


Mehr als „schnuckeliger Aufputz“

Es mag daher auch kaum überraschen, dass der öffentlich-rechtliche Sender im Oktober einen Kinder-Schwerpunkt setzt – eingeläutet am 20.Oktober von einer „Junior-Millionenshow“. Seinen Höhepunkt erlebt der Schwerpunkt mit dem „Kiddy-Contest“ am 26.Oktober, der von Mirjam Weichselbraun moderiert wird und erstmals im Hauptabend gesendet wird.

Für Böhm ist es wichtig zu betonen, dass die Kinder in der Themenwoche nicht „als schnuckeliger Aufputz“ herhalten müssen, „sondern als Partner und Hauptpersonen auf Augenhöhe mit den Erwachsenen“ in die Programmformate integriert werden. Es gehe darum, „die Stellung und Bedeutung des Kindes in unserer Gesellschaft“ zu dokumentieren und diskutieren und gleichzeitig die Kinder zu informieren. Die Jugendlichen wiederum sollen die Erwachsenen in ihre Welt einführen – schließlich sei es heute ja nicht selbstverständlich, „dass jeder Nachwuchs ein zu Hause hat“, meint Böhm.

Für den Kommunikationswissenschaftler Fritz Hausjell ist das „eine Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrages im besten Sinn“. Es sei „nicht nur legitim, sondern sogar eine Grundforderung“, dass sich das Fernsehen mit dem Thema Kinder auseinandersetzt, sagte er der „Presse“. Davon, dass der Kinder-Schwerpunkt auch bei den Zusehern aufgeht, ist Hausjell überzeugt. Schließlich seien Kinder „über viele Jahre und Jahrzehnte hinweg ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Bestandteil im Leben vieler Erwachsener“. Zugegebenermaßen aber nicht aller Erwachsener: „Natürlich gibt es auch kinderfeindliche Elemente in unserer Gesellschaft“ – als „Allheilmittel“ für die Quotenkrise des ORF dürfte sich Österreichs Nachwuchs also nicht eignen.


Kids-„Big Brother“ sorgt für Aufregung

Weniger öffentlich-rechtlich, dafür umso boulevardesker schlachtet der amerikanische Fernsehgigant CBS derzeit die Publikumsattraktivität von Kindern aus. Für die Reality-Serie „Kid Nation“ schickte der Sender 40 Kids 40 Tage lang in eine Geisterstadt im US-Bundesstaat New Mexico – ohne Strom und fließendes Wasser, ohne Lehrer und Eltern und ganz auf sich allein gestellt. Schon vor dem Start der „Big Brother“-Abwandlung am 19.September sorgt die Sendung in den USA und international für hitzige Diskussionen darüber, ob eine derartige Ausbeutung von Kindern zulässig ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2007)

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