Alfred Treiber – der „Mister Ö1“

Ihm sei die Radiokarriere „nicht an der Wiege gesungen“ worden, erzählt Ö1-Chef Alfred Treiber. Dafür ist die Leidenschaft für „seinen“ Sender umso größer.

In seinem Büro in der Argentinierstraße laufen sämtliche Fäden des Kultursenders zusammen. Seine Radioleidenschaft begann, das kann Treiber knapp beantworten, „mit einem Hinauswurf“. Als junger Mann war er bei der „Furche“ beschäftigt. Gerade einmal zwei Monate hat es gedauert, bis er befand, der Leiter des Kulturressorts sei behäbig, wenn nicht gar faul. Und weil er damals schon jener Alfred Treiber war, den wir kennen, beließ er es nicht bei der Feststellung, sondern ging schnurstracks zum Generaldirektor und machte Meldung. Das konnte ja nun nicht der Sinn einer Zeitung sein, untätig herumzusitzen.

Aber der oberste „Furcher“ wusste nicht, was er an Treiber hätte haben können – und verzichtete lieber auf den aufmüpfigen Jungen, als dem behäbigen Altspatzen Beine zu machen. „Man kann jedenfalls nicht sagen, dass mir eine Radiokarriere an der Wiege gesungen wurde“, kommentiert Treiber einige Jahrzehnte und um viele journalistische Lorbeeren reicher. „Dass ich bei der ,Furche‘ hinausgeflogen bin, war das Glück meines Lebens“, ergänzt er, „denn in diesen Tagen war zu hören, dass der ORF Mitarbeiter für eine Jugendsendung sucht. So bin ich ins Funkhaus geeilt und hab denen mitgeteilt, was für ein Glück sie haben: Ich suche auch gerade.“ Das ist das Sympathische an Treiber: Man kann sich sehr gut vorstellen, dass das Vorstellungsgespräch tatsächlich etwa so abgelaufen sein könnte.


„Dann kam das Volksbegehren“...

Dann kamen Probesendungen. Vielversprechende, offenkundig. „Dann kam bald das Rundfunkvolksbegehren, mit ihm Gerd Bacher. Und der wollte eine wilde Jugendredaktion. Die hat er auch gekriegt. Dann war er nicht mehr ganz so glücklich. Aber er war viel liberaler als mancher seiner Nachfolger.“ Bacher ließ die rechtschaffen Frechen werken. „Wir haben manches angestellt. Aber wir haben gearbeitet wie die Viecher, und ich hab viel vom Handwerk gelernt.“

Radiomachen konnte er bald. Anderes war weitab von seiner Welt: „Etwas Sinnloseres, als zum Bundesheer zu gehen, hätte ich mir nicht vorstellen können.“ Als die Einberufung drohte, „hab ich den Wehrdienst verweigert und bin zwei Jahre in die Entwicklungshilfe gegangen. Nach Afghanistan.“ Nachsatz à la Treiber: „Wie man jetzt sieht, hat das nicht viel geholfen.“


...und die neue Feature-Redaktion

Zurück in Wien – noch einmal Jugendredaktion? „Ich hab mir gedacht, ich bin dafür langsam zu alt und such mir was Neues.“ In Richard Goll fand sich ein Partner, der nicht nur imstande war, es mit dem Treiberschen Tempo und dem damit verbundenen Umgangston aufzunehmen, sondern eines Sinnes radiophone Kreationen zu entwickeln, die ORF-Geschichte geschrieben haben. Irgendwie haben die beiden die Feature-Redaktion erfunden. Aus dem Boden gestampft, ist angesichts des Aufwands, den sie dabei betrieben, das bessere Wort. Allein für die „Prater“-Dokumentation, erinnert sich Treiber, „haben wir ungefähr 200 Interviews gemacht und tagelang recherchiert und aufgenommen. 90 Minuten Sendung sind herausgekommen – jüngst anlässlich des Ö1-Jubiläums auf 55 Minuten verkürzt, aber immer noch ein amüsantes Hörvergnügen.

Wie viel Arbeit dahintersteckt, ist nicht zu bemerken. Das war das Geheimnis des Duos Treiber/Goll. „Wir haben uns eine Woche in ein Kloster gesetzt, eine Woche zur Feuerwehr oder zur Polizei und dort Stereo-O-Ton-Dokumentationen gemacht.“ Bis sich Wolf in der Mauer die Feature-Redaktion etablierte. „Dann hat es viele Jahre gedauert, bis ich angestellt wurde. Dann hat es wieder viele Jahre gedauert, bis ich eine Hauptabteilung übernommen habe.“

Aber jetzt ist er seit Jahren der Verantwortliche für den gesamten Sender – und hat auch manche strukturelle Flurbereinigung vorgenommen – etwa Hauptabteilungen zusammengelegt und aufgelassen. „Dabei hat sich vieles recht einfach ergeben. Zum Beispiel war die sogenannte H5 die Hauptabteilung Unterhaltung, und die war gleichbedeutend mit Ö3. Das ist allen komisch vorgekommen. Dann war's halt Ö3.“

Dann, „im Sinne dessen, was Gerhard Weis immer Lean Management genannt hat“, bleiben nur noch vier Hauptabteilungen. Und die werden wohl auch bleiben, wie sie sind. „Klar kann man sich am Reißbrett noch was anders überlegen. Ich glaube ja tatsächlich, dass wir auch heute noch zu viele Hierarchien haben. Aber jetzt ist es schon schwierig. Denn wie die Hauptabteilungen jetzt sind, sind sie gewachsen und funktionieren gut.“ Also keine Reißbrettspiele für die Radiozukunft. Wie wird die übrigens aussehen?

„Ich glaube“, sagt Treiber, „das Fernsehen wird bald dasselbe Schicksal erleiden, wie es das Radio schon erlitten hat. Da ja alles aus Amerika kommt, wird auch bei uns bald in jedem Zimmer ein Fernseher stehen und der wird laufen – und im Vorbeigehen wird man da irgendwas aufschnappen. Das Fernsehen hat ein Strukturproblem, und das sind nicht die Quoten. Unserer Erfahrung nach wächst die Unsicherheit des Publikums, je mehr Trash und Blödsinn es in der Welt gibt. Und da wächst zumindest in einer bestimmten Schicht das Bedürfnis nach etwas anderem, nach Werten, nach Wissensvermittlung, sagen wir einfach: nach etwas Vernünftigem! So erkläre ich mir den Erfolg von Ö1.“ Und der ist unbestreitbar. Die Zahlen sind so, „dass uns die im Ausland das gar nicht glauben. Aber wir sind nicht so blöd, uns in die eigene Tasche zu lügen.“


Keine Angst vor neuen Medien

Wenn er von neuen Problemen hört, die durch Medien wie iPods oder Download-Angebote aus dem Internet entstehen, sagt er: „Das stört mich alles nicht. Denn anders als andere sind wir nicht auf unseren Hintern sitzen geblieben und haben die Herausforderungen angenommen. Wir haben uns zu einem Dienstleistungsunternehmen entwickelt. Von neuen Distributionsmöglichkeiten werden wir die Hauptnutznießer sein. Wir merken das jetzt schon bei den Zugriffszahlen.“ Wer zusammenhängende Sendereihen hoher Qualität bietet, dessen Chancen wachsen: „Wenn einer eine Folge von ,Betrifft Geschichte‘ versäumt hat oder nicht ganz hören konnte, dann ladet er sich's halt herunter. Es geht letztlich immer um die Wurst. Content heißt das heute, in normalem Deutsch: Inhalt. Der wird immer ein Unikat sein. Und wir produzieren den fleißig.“

Natürlich kommt der Betrieb den ORF nach wie vor teuer: „Um das Geld, das wir verbrauchen, könnte man zehn Privatsender betreiben“, sagt Treiber, „die hätten dann zwar nicht annähernd den Wert von Ö1, aber immerhin. Ein gewisses Verständnis der Geschäftsführung, dass das erhaltenswert ist, was wir da machen, ist schon nötig...“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2007)

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